Auf dem Mittelstreifen

von Hartmut Neuber am 17.08.2020 / in Allgemein

„12. Seetag. Seit über 11h ziemlich starker Wind. Raumschotskurs. Groß 3.Reff, Genua zur Hälfte. In der Nacht eine Stunde im Cockpit gesessen, aus Angst irgendwas passiert, back schlagen, in den Wind schießen o.ä. Windpilot Steuerausschläge bis 60Grad. “
So meine Logbucheintragungen vom 30.7. Die Wetterdaten hatten Wind bis 21kn vorhergesagt, das hier ist wieder mal deutlich mehr. Die See um mich herum ist  voller Schaumkronen. Einzelne Wellen beginnen zu brechen, der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Mir ist etwas mulmig. Aber wir machen gute Fahrt, immer wieder sehe ich die Acht auf der Geschwindigkeitsanzeige, wenn Nica ins Wellental rauscht. Bei der Geschwindigkeit bin ich schon Sonntag da. Aber eine letzte Textnachricht von Ralf, bevor auch diese Funktion im Satellitentelefon ihren Geist aufgibt, warnt vor Schwachwind die nächsten Tage. Damit kann ich mich aber noch nicht beschäftigen, ich muß erstmal mit der momentanen Situation klarkommen. Immer wieder fallen starke Böen ein, Nica krängt und luvt an. Um dem entgegenzuwirken habe ich den Traveller schon so weit wie möglich nach Lee versetzt, wage aber nicht, die Genua noch weiter herauszuziehen. Der Windpilot kämpft, manchmal braucht er Minuten, aber er kriegt das Boot immer wieder auf Kurs. Dadurch fahren wir natürlich Bäckerkringel. Der elektrische Autopilot würde geraden Kurs halten, verbraucht aber zuviel Strom. Denn die Ladeintervalle der Batterie sind mittlerweile unter sechs Stunden, und das nur für die Navigationsgeräte, die Frischwasserpumpen und nachts die Positionslichter. Selber Steuern macht wenig Sinn, nach zwei bis drei Stunden brauche ich eine Pause, dann muß der Windpilot eh wieder ran. So begnüge ich mich damit, im Cockpit zu sitzen und zu beobachten, wie der Windpilot sich durchkämpft. So rauschen wir durch den Tag. Trotzig genehmige ich mir am Abend mein Bier. Bei Einbruch der Dunkelheit ist die Batterie schon wieder unter 12V. Der Wind kommt mittlerweile vorlicher und das Boot krängt nun stärker.. Ich werfe den Motor an, aber nach einer Viertelstunde wird es mir unheimlich. Was, wenn der Motor bei der Schräglage nicht richtig geschmiert wird, das Öl und das Kühlwasser nicht überall hinfließen können? Ich beschließe, beizudrehen, dann sollte das Boot ruhiger liegen und mich für eine halbe Stunde so treiben lassen, während der Motor läuft. Ich klettere mit Kopflampe ins Cockpit, hole die Genua etwas dichter, hänge den Windpiloten aus. Dann gehe ich mit dem Bug durch den Wind und fiere die Großschot. Jetzt die Pinne in Hartruderlage und in der Position befestigen. Das Großsegel knattert, die Wellen rauschen, der Wind heult. Ein Höllenlärm. Es ist stockdunkel und ich versuche  zu erkennen, ob wir noch Fahrt machen. Aber ich sehe kaum etwas. An der schlagenden Großschot vorbei klettere ich halb den Niedergang hinunter um auf die Geschwindigkeitsanzeige in der Naviecke zu schauen. 1,5kn. Das ist ok. Beidrehen wird immer als das gemütliche Manöver beschrieben, um Ruhe ins Boot zu kriegen, notwendige Reparaturen vorzunehmen oder Kaffee zu trinken. Ich finde die Situation alles andere als gemütlich. Die Großschot tanzt wild durchs Cockpit und löst sich immer wieder aus der Curryklemme. Ich beschließe, den Baum mit Bullenstander zu sichern und krabbele entlang der Reling zur Mittschiffsklampe, als ich innehalte. In dem ganzen Lärm höre ich den Motor nicht mehr. Ist er etwa aus? Ich befestige den Bullenstander und klettere ins Cockpit zurück. Der Gashebel steht auf Standgas, ich muß ihn aus Versehen mit dem Fuß verstellt haben. Und der Motor ist tatsächlich aus. Ich starte ihn neu. Nichts. Nochmal. Wieder nichts. Ich setze mich hin. Vom Tauchen her kenne ich das Gefühl, wenn eine Panikattacke naht. Es kriecht irgendwie von den Füßen her hoch. Jetzt bloß klaren Kopf behalten. Es besteht keine akute Gefahr. Ich habe einen Hand GPS Empfänger mit ausreichend Reservebatterien und die Papierseekarte, falls ich die Navigationsgeräte ausschalten muß. Die LED Lampe im Mast verbraucht kaum Strom. Das reicht auf jedenfall bis zum Morgen. Der Wind wird nachlassen. Ganz ruhig. Am besten wieder Fahrt aufnehmen und weiter. Also, Bullenstander fieren, Pinne mittschiffs, Groß dichtholen und abfallen, bis die Genua wieder auf der alten Position ist. Nica legt sich wieder in die Wellen, wir machen Fahrt, und es ist wesentlich angenehmer als das unruhige Beidrehen. Der Windpilot übernimmt wieder. Ich überprüfe, ob der Kurs halbwegs stimmt. Dann setze ich mich wieder an den Anlasser. Tief durchatmen. Ich drehe den Zündschlüssel und gebe vorsichtig etwas Gas. Der Diesel springt an! Er springt an! Keine Ahnung warum, aber er läuft! Der Spannungsanzeiger an der Naviecke verrät mir sogar, daß die Batterie auf einen erneuten Startvorgang verzichtet und sich laden läßt. Ich lehne den Kopf an die Holzverkleidung der Naviecke. Guter Diesel! Jetzt halte eine halbe Stunde durch bei der Schräglage, das müßte doch reichen. Um ihm zu helfen, beschließe ich, etwas abzufallen und die Genua wegzunehmen. Wir laufen jetzt langsamer, und auch nicht ganz in die richtige Richtung.  Aber alles ist auf einmal entspannter. Nach einer halben Stunde erlöse ich den Diesel. 12,8V behauptet die Batterie. Ich gönne mir eine Mütze Schlaf.

Am nächsten Tag dreht der Wind wie erwartet auf West und läßt nach. Ich nehme die Genua wieder dazu und wir machen viereinhalb Knoten Fahrt. Die schräg achterliche Welle macht dem Windpilot zu schaffen, aber im Großen und Ganzen sind wir wieder auf  Kurs. Die Ankunft in Camaret am Montag ist noch möglich und ich kann mir zur Abwechslung wieder Sorgen darüber machen wie und wo ich das Boot festmachen werde. Muß ich unter Segel in der Bucht ankern, oder kommt mir ein hilfsbereites Dinghi entgegen? On va voir. Zwischendurch beobachte ich, wie sich eine fette Regenwolke nähert, dann aber doch beschließt, Backbord vorbeizuziehen.
Am 2.August gegen 1300 UTC überqueren wir den Kontinentalschelf in der Biscaya. Der Meeresgrund steigt hier von über 2000 auf etwa 153 Meter an. Die Wassermassen drängen mit Macht nach oben. Wenn dann Wind dagegen steht, muß es hier verdammt ungemütlich sein. Heute scheint die Sonne, das Meer glitzert und ein angenehmer Wind schiebt aus West. Die Überquerung, die ich mir extra als Wegpunkt markiert habe, ist äußerst unspektakulär und das ist mir mehr als recht. Allerdings sind wir  auf einmal fast einen Knoten schneller, hier muß eine starke Strömung sein. Trotzdem wird die Zeit knapp, um Morgen Mittag vor dem Goulet de Brest zu sein. Wetterdaten ziehen geht auf einmal viel schneller. Weil wir uns Land nähern? Nein, das kann nicht sein. Egal. Jedenfalls ist die nächsten Tage nicht mehr mit Starkwind zu rechnen, eher im Gegenteil. Ich werde mutig und reffe das Groß komplett aus. Knapp vier Knoten machen wir dadurch. Immer noch zu langsam. Der Wind kommt nun fast von achtern, ich nehme die Genua auf die andere Seite und baume sie aus. Wir fahren Schmetterling und sind wieder etwas schneller. Aber der Wind läßt weiter nach. Ich darf auf keinen Fall bei Ebbe ankommen, dann habe ich den Strom gegen mich. Andererseits ist Montag fast kein Wind, ich wäre nahezu ausschließlich auf die Strömung angewiesen. Jetzt fangen die Segel an zu schlagen, der Wind hat weiter nachgelassen. Es hat keinen Sinn, Montagmittag ist nicht mehr zu schaffen. Ist sogar besser so. Am Dienstag ist wieder Wind und ich beschließe, meine Ankunft um einen kompletten Tag zu verschieben. Ich berge die Genua und lasse mich vor dem Groß treiben.

Auf der AIS Anzeige tauchen mittlerweile immer mehr Schiffssignale auf, große Frachter meistens. In weitem Abstand ziehen sie vorbei. Ich dümpele weiter durch die Nacht. Einmal sind zwei Schiffssignale ganz in der Nähe. Ich höre den Funkverkehr zwischen einem Segler unter Motor und einem Fischer. Nervös erkundigt sich der Segler auf Englisch, ob er seinen Kurs beibehalten könne. Mais oui, passez, passez! knurrt eine gemütliche Stimme zurück.
Am Morgen ist dann wieder Flaute. Ich setze das Groß ins zweite Reff und lasse es als Luftwiderstand stehen, während ich die Genua einrolle. Am Horizont ziehen auf beiden Seiten Frachter vorbei, aufgereiht wie auf einer Perlenkette. Steuerbord nach Süden, Backbord nach Norden. Offenbar habe ich mich in eine Schifffahrtsroute gedümpelt und fühle mich ein bißchen wie auf dem Mittelstreifen der Autobahn.
So vergeht der Vormittag. Von einem klaren Himmel strahlt die Sonne. Vierundsechzig Seemeilen sind es nur noch bis zur französischen Küste, aber ich komme nicht näher. Die Wetterdaten, die mittlerweile fast von selber in die App springen, sagen Schwachwind voraus. Jetzt wird auch Dienstag fraglich.
Ich bin allmählich erschöpft von dem vielen hin und her. Als nächstes kommt bestimmt wieder Sturm. Die nörgelige Batterie will wieder geladen werden und ich fange an, die Motorstunden nachzurechnen. Vielleicht sollte ich ein bißchen Diesel nachkippen, nicht daß ich mir den Tank noch aus Versehen leerfahre. Ich bereite den Reservekanister und den Umfüllschlauch vor. Dabei fröstelt mir. Prima, die Sonne scheint und ich friere. Ich halte inne. Wieso friere ich? Es ist Wind! Ein kühler, aber stetiger Hauch weht über das Meer. Ganz vorsichtig packe ich den Reservekanister weg und fiere ein wenig die Großschot. Nur nicht den Wind verscheuchen. Das Groß bläht sich, ich höre das vertraute Gluckern des Wassers an der Bordwand, wir segeln. Ich wage sogar die Genua zu lupfen. Auch sie steht im Wind und mit gut vier Knoten gleitet Nica über die sonnige Biscaya. Es ist das gemütlichste Segeln der Welt, ich könnte ein komplettes Kaffeeservice mit Blumenväschen im Cockpit kredenzen. Ich lasse den Kopf auf den Arm sinken, schaue auf das friedliche Meer und habe auf einmal Tränen in den Augen.
Am Abend muß ich wieder anfangen zu rechnen. Bei der Geschwindigkeit bin ich schon am Morgen vor dem Goulet de Brest. Zu früh, da ist der Strom noch gegen mich. Vor der Küste selber aber wechselt die Strömung alle sechs Stunden von Nord nach Süd. Ich muß überlegen, in welche Richtung ich vorhalte, um dann Mittags vor den Goulet getrieben zu werden. Als ich einen Plan habe, schlägt die Genua. Der Wind ist wieder weg, der Plan kann in die Schublade. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen, ich bin müde und lege mich zu meinen Stundenintervallen hin. Gegen 2300 UTC kann ich ein schwaches Aufblitzen am Horizont ausmachen. Das Leuchtfeuer der Ile d Ouessant. Ich bin in Sichtweite der französischen Küste! Land in Sicht schreibe ich ins Logbuch, obwohl ich das Land selber noch gar nicht sehe. Vier Stunden später bin ich allerdings kaum weitergekommen.  Es wird schon wieder knapp. Ich muß mich an die Pinne setzen und schauen, daß wir wenigstens in die richtige Richtung dümpeln. Gegen fünf Uhr morgens sind wir  zwei stolze Seemeilen weiter, als  das AIS anfängt zu piepen. Ich bin an der Pinne fast eingedöst und schrecke hoch. Backbord achteraus Positionslichter am Horizont. Ich kann grün erkennen und darüber weiß. Also irgendwas unter Motor und soll mir gefälligst ausweichen. Ich bleibe an der Pinne hocken. Das AIS erhebt weiter mahnend seine Stimme. Blöder Kahn, ändere deinen Kurs und laß mich in Frieden. Ich schaue mit dem Fernglas, sehe weiter grün und darüber weiß. Er kommt also nicht haargenau auf mich zu, trotzdem nicht gut. Mittlerweile sind schon die Konturen eines ziemlich großen Schiffes zu erkennen. Ich klettere mit steifen Gliedern zur Naviecke und schaue auf dem Plotter nach. CPA, closest point of approachment, sind nur wenige hundert Meter und in gut zwanzig Minuten. Jetzt besteht Handlungsbedarf. Ich greife zum Funkgerät und rufe auf Kanal 16. Glücklicherweise meldet sich sofort die freundliche Stimme eines Brückenoffiziers. Ich frage, ob er mich sieht. I am a sailboat, but there is no wind, so  I´m adrift.
Okay, antwortet die Stimme, I will pass you at your portside and let you drift. Klingt bißchen süffisant. Aber er ändert seinen Kurs und gut zwanzig Minuten später zieht ein riesiges Ungetüm von Frachter an mir vorbei. Meine Güte, gibt es häßliche Schiffe auf den Meeren. Alles scheint rein zweckdienlich zu sein und wirkt kalt und abstoßend. Aber wer weiß, vielleicht transportiert er gerade eine Ladung zweiflügeliger Faltpropeller für eine Comfortina32.
Gegen 10 Uhr kommen dann endlich die versprochenen 12kn aus Süd. Jetzt aber los. Ich setze alles was ich habe. Und im Fernglas kann ich nun auch wirklich Land erkennen. Das erste Festland, seit wir die marokkanische Küste hinter uns gelassen haben. Stunden später sind schon die ersten Häuser zu erkennen.  Zeit, nervös zu werden. Noch kann ich die Bucht von Camaret nicht ausmachen. Die Wirklichkeit sieht immer anders aus als die Karte.  Gestern schon habe ich den Heckanker vorbereitet,  falls ich auf irgendwelche Klippen vertrieben werde. Ich bringe auf beiden Seiten Fender an, falls ich gegen ankernde Schiffe treibe. Den Buganker will ich schon mal aus seiner Halterung lassen, es muß unter Umständen schnell gehen. Mit der einen Hand halte ich die Kette, mit der anderen drücke ich den Knopf an der Winsch. Die Knöpfe für „Fallen lassen“ und „Aufholen“ sind in Empuriabrava verkehrt herum angeschlossen worden, worüber ich auch umgehend in Kenntnis gesetzt wurde. Man denkt halt nicht immer daran. Zwei Sekunden später ziehe ich einen blutenden Finger aus der Winsch. Am Ende des Tages werde ich mit einigen Schrammen und einem Bluterguß davongekommen sein, aber im Moment tut es ordentlich weh. Ich beiße die Zähne zusammen und schaue auf die felsige bretonische Küste, die langsam näher kommt. Dann greife ich erneut in die Kette und fiere den Anker, bis er vor dem Bug hängt. Auf dem Handy habe ich mittlerweile Netz und rufe den Hafen auf der Nummer, die ich im Reeds Nautical Almanac 2020 gefunden habe.  Es meldet sich eine freundliche Stimme. Ich frage, ob ich Schlepphilfe in den Hafen haben könnte, mein Motor funktioniere nicht. Oh, meint die Stimme, hier sei die Verwaltung und ich solle über Funk auf Kanal neun rufen. Ich rufe auf dem Handfunkgerät. Die Bucht ist schon ziemlich nahe. aber es meldet sich niemand. Nach mehreren Versuchen gebe ich auf. Ok,  Ankern ist angesagt. Ich bin noch ziemlich schnell, denn ich habe alles stehen gelassen und zum Reffen ist es jetzt zu spät. In der Bucht ist reger Betrieb, viele Segelboote, darunter auch kleine Ausbildungsjollen. Steuerbord voraus sehe ich einige Ankerlieger. Da muß ich also hin. Ich suche mir eine Stelle zwischen zwei Booten, aber kurz vorher steht Nica schon im Wind und die Segel schlagen. Zu knapp, zu nah an den anderen Booten. Schnell wieder Fahrt ins Boot kriegen. Ich versuche abzufallen und ganz langsam geht der Bug herum. Knapp komme ich am Heck eines anderen Bootes vorbei. Jetzt halte ich auf ein gelbes Boot vor dem Strand zu. Kurz davor schieße ich erneut in den Wind. Schoten los und schnell zum Bug. Runter mit dem Anker. Er verschwindet im dunkelgrünen Wasser. Es dauert eine Ewigkeit, bis die Kette leichter wird und der Anker auf Grund zu sein scheint. Jetzt langsamer fieren. Ich treibe weg von dem gelben Boot. Gut so. Dann ist alle Kette draußen. Hinter mir schlagen und knattern die Segel,  ich muß sie noch stehen lassen, falls der Anker nicht hält. Aber meine Position scheint sich nicht mehr zu verändern. Der Anker hat sich in französischem Boden eingegraben. Mit wackelnden Knien berge ich die Segel. Die Atlantikumrundung ist vollendet.

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