Sechsundzwanzig Beckerfäuste

von Hartmut Neuber am 11.08.2020 / in Allgemein

Auf der Nordhalbkugel weht der Wind spiralförmig gegen den Uhrzeigersinn in den Kern des Tiefs. Da dies auch der Drehrichtung der Erde entspricht, nennt man die Tiefdruckgebiete Zyklone. Aus dem Hochdruckgebiet hingegen weht der Wind spiralförmig im Uhrzeigersinn heraus, dies ist entgegen der Drehrichtung der Erde, also spricht man von Antizyklonen. Bißchen verwirrend, bringt aber vor allem dann nichts, wenn man in der Flaute dazwischen hockt. Hier weht gar nichts.
Schlecht gelaunt hocke ich an der Pinne und schaue, daß wir wenigsten in die richtige Richtung dümpeln. Laut den Wetterdaten, die ich wieder mühsam geladen habe, soll aber gegen Abend Wind kommen, Vorbote des Tiefs, das von Westen naht. Mit meinem Freund Ralf hatte ich verabredet,  daß er mir Wetterdaten für die längerfristige Planung schickt, aber die mails lassen sich ja nicht öffnen. Fühle mich verappelt. Also, flexibel bleiben. Ich beschließe, das Großsegel ab jetzt stehen zu lassen bis Frankreich. Falls der Wind zu stark wird, habe ich ja das dritte Reff vorbereitet, damit kann ich einiges abwettern. Gegen Abend brist es tatsächlich auf, das Großsegel füllt sich und dieser mühselige Flautentag ist endlich vorbei. Ich beginne zu verstehen, warum die Seeleute früher die Flaute mehr gefürchtet haben als den Sturm. Auch mir erscheint im Moment alles besser als diese sinnlose Dümpelei. Ich mache mir ein schönes Abendessen, brate Zwiebeln an, dann Thunfisch und Mais dazu, das dann über die Spaghetti, lecker. In der Nacht schlafe ich in meinen Stundenintervallen gut.
Den nächsten Tag beobachte ich aufmerksam den Himmel und die Wolken, ob ich das Herannahen der Warmfront erkennen kann, so wie wir es im Segelkurs gelernt haben. Nun teils, teils. Zwar scheint sich eine geschlossene Wolkendecke zu bilden, aber am Horizont hellt es immer wieder auf. Das Wetter hält sich nicht ans Lehrbuch.

in Cirren kann man sich irren

Allerdings werden Wind und Wellen immer stärker und das ist für mich das Entscheidende. Gegen Nachmittag beschließe ich, das dritte Reff einzusetzen. Ich gehe auf einen Kurs am Wind, fiere das Groß auf und hoffe, es ohne Probleme herunterziehen zu können bis zur dritten Refföse. Das Segel schlägt und flattert und ich beeile mich, es herunterzuziehen. Geht auch ganz gut, aber dann will die sich Refföse einfach nicht über den Haken ziehen lassen. Immer fehlt irgendwie ein halber Zentimeter. Hier im stärker werdenden Wind ist es halt was anderes als beim Üben in der Flaute. Die Wellen kommen jetzt schräg von vorn, Nica stampft und ich bin immer wieder kurz davor, das Gleichgewicht zu verlieren. Verdammte Refföse, jetzt mach schon! Mehrmals halte ich keuchend inne. Das Segel schlägt inzwischen immer wilder. Das geht nicht lange gut! Nocheinmal biete ich alle Kräfte auf und dann ist das Ding endlich drin. Ich hangele mich ins Cockpit, muß aber feststellen, daß die oberste Segellatte durch das wilde Hin und Herschlagen sich hinter der Saling verheddert hat. Ich muß das Groß noch ein Stückchen weiter herunter ziehen, damit sie wieder frei kommt. Nochmal das Fall lösen, wieder an den Mast, Segel etwas herunterziehen, zurück ins Cockpit. Nun ist das Segel so weit heruntergerutscht, daß sich die zweite Segellatte hinter dem Unterwant verheddert hat. Ich versuche noch etwas stärker an den Wind zu gehen, aber das ist nur mit der Genua nicht möglich. Um die zweite Segellatte frei zu bekommen, muß das Groß noch ein Stückchen weiter herunter…
Zwanzig Minuten später sitze ich keuchend und schweißüberströmt im Cockpit. Das wars mit, das Großsegel stehen lassen bis Frankreich. Notdürftig zusammengestopft liegt es im Lazybag und ich fahre nur mit der Genua. Zum Großsegel Setzen und Bergen braucht man halt den Motor. Ich tröste mich damit, daß ich mich nur mit der Genua doch etwas sicherer fühle, denn Wind und Welle nehmen merklich zu. War so  nicht gemeldet, aber das Wetter hält sich auch nicht an die Vorhersage.
In der Nacht ist ziemlicher Starkwind und nun bin ich doch froh, nur das Vorsegel stehen zu haben. Ist letztendlich doch alles gut, so wie es kommt?
Am nächsten Morgen ist das Tief schon fast vorbei gezogen, ich bin auf seiner Rückseite und habe Nordwind, der schön von der Seite kommt. Aus den neuen Wetterdaten sehe ich, daß hinter dem Tief ein ausgeprägtes Flautenloch kommt. Da hänge ich mindestens vierundzwanzig Stunden drin. Wenn ich schneller wäre, könnte ich vielleicht mit dem Tief mitreisen, fast bis zur Nordspitze Spaniens, wo ich vom Cap Finisterre her Gegenwind bekommen würde, aber wenigstens keine Flaute. Alles ist besser als Flaute. Aber dafür brauche ich das Groß…
Ob es jetzt zehn Minuten gedauert hat oder eine Dreiviertelstunde kann ich nicht sagen, ich habe nicht auf die Uhr geschaut. Man verliert das Zeitgefühl, wenn man kämpfen muß. Immer wieder kraxele ich zwischen Mast und Cockpit hin und her, Segel rauf, wieder verheddert, Segel runter, wieder hoch, an anderer Stelle verheddert, noch weiter aufgefiert, daß die Schot schon im Wasser hängt, Bullenstander an den Baum, weiter angeluvt, etc. Ich habe den Tunnelblick, bin nur noch fixiert darauf, dieses Segel zu setzen. Und dann erwische ich endlich einen günstigen Moment, alle Latten schlagen frei, mit einem Ruck ziehe ich am Fall und das Groß rauscht nach oben. Doch die allerletzte Segellatte hat es geschafft, sich noch an einer Leine des lazybags zu verheddern.  Nein, liebe Segellatte, das lasse ich mir nicht mehr nehmen und von Dir schon gar nicht! Ich belege das Fall, schnappe mir den Bootshaken und ziehe die Leine zur Seite. Dann schnell das Fall weiter holen und jetzt steht das Segel! Geschafft! Ich balle sechsundzwanzig Beckerfäuste. Dann rette ich den Bootshaken, der beinahe über Bord gegangen wäre. Keuchend sitze ich im Cockpit. Allmählich komme ich zu mir.
Über sechs Knoten Fahrt machen wir nur mit Genua und Groß im dritten Reff. Es ist schönes, schnelles Segeln.
Aber am Abend ist der Wind weg. Das Tief war  schneller.
Der nächste Tag bringt strahlendes Wetter, blauen Himmel, Sonnenschein, glitzerndes Wasser. Und ein einsames kleines Segelboot, das Spielball der langen trägen Dünung ist. Ich habe das Groß, das immer wieder mit einem dumpfen „fffumppp“ von einer Seite auf die andere schlägt, geborgen, um das Material zu schonen. Nun sitze ich im Cockpit und mir ist hundeelend. Ohne den Luftwiderstand des Segels schwankt das Boot noch mehr nach allen Seiten. Nach einer halben Stunde wird mir klar, das halte ich nicht durch. Tut mir leid, Großsegel, aber du mußt wieder hoch. Damit der Baum nicht auch noch schlägt, hole ich ihn so dicht, daß er schon auf der Sprayhood aufliegt.

ohne Groß nix los

Ich kann nichts weiter tun, als Warten. Warten, das ich so hasse. Aber das Meer ist gleichgültig und meint es nicht bös. Ich werde ein wenig apathisch, kann mich kaum dazu aufraffen, gegen Mittag meine Instantsuppe aufzugießen. Am Nachmittag zwinge ich mich, endlich die Strömungsverhältnisse vor Camaret sur Mer zu berechnen. Das nächste Tiefdruckgebiet wird sich nordöstlich verlagern, an seinem Rand bekomme ich guten Rückenwind und kann einen direkten Kurs ansetzen. Bei vier Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit müßte ich Montagmittag vor dem Goule de Brest sein und könnte mit Einsetzen der Flut mich hineintreiben lassen. Könnte, könnte, Fahrradkette, um einen fränkischen Fußballer zu zitieren.
Draußen bereitet sich alles auf einen traumhaften Sonnenuntergang vor und mir stehen die Sorgenfalten auf der Stirn.
Gegen vier Uhr morgens strecke ich den Kopf aus dem Niedergang. Spüre ich da Wind? Fast halte ich den Atem an. Dann fiere ich das Groß etwas auf. Etwas unwillig flappt es auf die andere Seite, aber bleibt dort. Es baucht sich sogar etwas. Am Heck gluckert es leicht. Ich spüre einen leichten Druck an der Pinne. Ganz vorsichtig stelle ich den Windpiloten auf den neuen Kurs und hänge ihn ein. Sein rotes Fähnchen beginnt im Wind zu flattern. Wir machen Fahrt! Die Flaute ist vorüber.
Später kann ich sogar die Genua dazusetzen, dann liege ich unten in meiner Koje. Ich höre das leichte Rauschen des Wassers an der Bordwand. Für den Moment ist dies der schönste Platz der Welt.

MonaLisaLächeln

Traumverloren grinse ich auch am nächsten Vormittag den Wind und das Meer an, als plötzlich das AIS anfängt zu dengeln. Ich schrecke hoch und schaue mich um. Tatsächlich, backbord voraus erscheint ein Segel. Ich habe seit über einer Woche kein anderes Schiff mehr gesehen, sodaß ich überhaupt nicht mehr mit Gegenverkehr rechne. Das AIS dengelt weiter, wir werden uns also gefährlich nahe kommen. Ich greife zum Fernglas und versuche herauszufinden, auf welcher Seite das andere Boot sein Segel hat. Auf Backbord, sapperlot, jetzt bin ich auch noch ausweichpflichtig! Ich verstelle den Windpiloten etwas, aber die Peilung steht weiterhin. Zum Dengeln des AIS kommt nun auch noch ein Krächzen aus dem Funkgerät. Ja, Herrgottnochmal, ich hab dich gesehen, nur keine Hektik! Ich hänge den Windpiloten aus, hole die Großschot etwas dichter und luve ein Stück an. So, jetzt müßten wir gut aneinander vorbeikommen. Dem AIS ist das immer noch zu nahe und auch die Stimme im Funkgerät meldet sich wieder. Sorry Leute, ich bin Einhandsegler, ich kann nicht gleichzeitig ausweichen und Konversation betreiben!
Ich halte weiter auf sein Heck zu und schließlich passieren wir einander in sicherem Abstand. Auf dem anderen Boot sehe ich es aufblitzen. Hat der eine so coole Sonnenbrille oder gibt er mir etwa Lichtsignale? Als keine Gefahr mehr besteht, gehe ich hinunter und melde mich am Funkgerät. Sofort kommt Antwort. Es ist ein französischer Segler,   der nur ein bißchen plaudern will. Auch er hing gestern in der Flaute fest, es hatte gar keinen Sinn gehabt zu motoren. Als er von meinem Problem mit Hélice hört, rät auch er mir, Camaret sur Mer anzulaufen, dort könne mir bestimmt geholfen werden. Wir wünschen uns gegenseitig gute Fahrt und setzen unseren Weg fort.
Im weiteren Verlauf des Tages bleibt es gemütliches Segeln mit drei bis vier Knoten. Etwas zu langsam nach meiner Planung. Zudem fürchte ich, einen zu östlichen Kurs zu fahren und aus dem Wind heraus zu kommen. Bloß nicht! Ich hole wieder etwas dichter, luve an und segele zur Sicherheit etwas weiter in das Tief hinein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.