Schließlich bin ich ein Segelboot

von Hartmut Neuber am 09.08.2020 / in Allgemein

Beim Zurückklettern an Bord breche ich auch noch die Navtexantennne aus ihrer Halterung. Egal, ich habe gerade andere Probleme und weiter draußen bekomme ich eh keine Navtexnachrichten mehr. Ich trockne mich ab und überlege. Was tun? Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens, ich rufe über Satellitentelefon in Ponta Delgada an, wo ein SAR Boot liegt und lasse mich abschleppen. Sie brauchen sicher einen Tag, bis sie hier sind, dann mit mir im Schlepp einen weiteren bis nach Graciosa, wo sie mich im Hafen abliefern und meinem Schicksal überlassen können. Wird sicher extrem teuer und extrem peinlich. Zweite Möglichkeit, selber zurück nach Graciosa und mich vor der Hafeneinfahrt von einem kräftigen Dinghi abholen lassen. Geht aber nicht, weil in Richtung Graciosa ja kein Wind ist. Dritte Möglichkeit, einfach weiterfahren. Ich bin ja fast raus aus dem Azorenhoch, schon Morgen könnte ich Wind bekommen. Und schließlich bin ich ein Segelboot. Ein Motorboot mit ähnlichem Problem wäre heilfroh meine schönen Segel zu haben. Was soll schon passieren? Ein zwei Flautentage vielleicht. Und wie ich dann in Brest in den Hafen komme, kann ich immer noch sehen. Ich trage den Vorfall ins Logbuch ein. Das Boot dümpelt, draußen ist alles ruhig und die Sonne geht unter. Ich lege mich in die Koje.
Die vorige Nacht habe ich nur im Halbstundenrhythmus geschlafen, weil ich ja unter Motor fuhr, evtl ausweichpflichtig gewesen wäre und möglicherweise sogar ein AIS Signal überhört hätte. Es war eigentlich nur ein kurzes Dösen gewesen. Diese Nacht aber schlafe ich in den gewohnten stündlichen Intervallen richtig gut. Es ist fast eine Erleichterung, nicht mehr auf den Motor zurückgreifen zu können. Jetzt gibt es nur noch Segeln pur.
Frühmorgens spüre ich ein bißchen Wind. Siedendheiß fällt mir ein, daß ich ohne Motorunterstützung aber auch ein kleines Problem beim handling des Großsegels habe. Um es  setzen zu können, muß das Boot genau im Wind stehen, sonst verheddern sich die Segellatten in den Leinen des Lazybags oder in den Salingen. Und genau im Wind halten kann das Boot nur der Motor. Noch ist der Wind kaum mehr eine Brise, also fix das Groß hochziehen. Es gelingt und ich atme durch. Nach einer halben Stunde ist soviel Wind, daß wir knapp zwei Knoten Fahrt machen und er frischt im Laufe des Tages weiter auf. Ich bin raus aus dem Azorenhoch! Jetzt wird gesegelt!

Segel, Boot!

Am Abend muß ich den Motor anwerfen, um die Versorgerbatterie aufzuladen und erneut lädt er nicht. Halblaut fluchend baue ich die Niedergangstreppe vor dem Motor ab und gebe manuell Vollgas. Die Batterie beeindruckt das nicht, die Anzeige bleibt ungerührt bei knapp 12V. Jetzt wird mir doch mulmig, Strom brauche ich dringend. Ich habe zwar noch ein Hand GPS Gerät und genügend Batterien dafür, sowie die Papierseekarte, um meine Position zu bestimmen. Aber wenigstens die Navigationslichter sollten brennen! Die Dreifarbenlampe im Masttop verbraucht kaum Strom, das könnte noch ein paar Tage reichen, wenn ich alles andere abschalte. Im Kühlschrank ist eh bloß Bier und Milch. Aber kein AIS, kein Funkgerät? Verdammt, und bis nach Nordfrankreich brauche ich noch zwei Wochen. Vielleicht den Motor einfach aus und nochmal anmachen? Restart sozusagen? Niedergangstreppe wieder anmontiert, ins Cockpit und den Motor ausgemacht. So, nun spring wieder an! Er tut es. Und jetzt lade bitte! Ich klettere nach unten, schaue auf die Ladeanzeige und mir entfährt ein Schrei der Erleichterung. Sie steht über 14V, der Motor lädt! Gottseidank, bzw. warum nicht gleich so! Ich setze mich in die Naviecke und wische den Schweiß ab, der mir nun doch auf der Stirn stand.

Am Morgen ziehe ich mir neue Wetterdaten. Es dauert endlos lange, bis das Gerät sich registriert und ins Satellitensystem eingewählt hat. Dann bricht die Verbindung immer wieder zusammen und muß sich erneut aufbauen. Es dauert fast zehn Minuten, bis ich die Daten habe. Aber sie zeigen mir, daß ich jetzt endlich einen nordöstlichen Kurs anlegen kann, Richtung Nordfrankreich. Das hebt die Stimmung. Nach wie vor ist Brest mein Ziel. Der Hafen liegt ziemlich weit im Landesinneren und die Bretagne ist eines der gezeitenstärksten Reviere der Welt. Der Tidenhub beträgt mehr als sechs Meter, man muß mit über zwei Knoten Tidenstrom rechnen. Ich muß also mit Flut einfahren und darf keinen Gegenwind haben. Wie ich dann in den Hafen hinein komme, ist die nächste Frage. Ich gehe wieder an Deck. Draußen herrscht strahlender Sonnenschein, kleine Wölkchen am Himmel wie im Passat. Nur der Wind ist kühler.
In der Nacht nehmen Wind und Welle zu. In der Dunkelheit ist die Wellenhöhe schwer abzuschätzen,  immer wieder wird das Boot stark angehoben und dann rauscht ein langgestreckter weißer Wellenrücken schräg seitlich davon. Trotzdem mache ich mir keine Sorgen, Nica schafft das schon.

Am Morgen muß die Batterie wieder geladen werden. Wieder klappt´s erst beim zweiten Versuch, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt, die Ladeintervalle aber werden kürzer. Gestern betrugen sie noch über zwölf Stunden, jetzt sind es jetzt kaum mehr als zehn.
Erneut ziehe ich Wetterdaten. Es wird immer mühsamer, ständig zeigt die Anzeige „connection failed“, das zerrt an den Nerven.
Als die Daten endlich komplett sind, sehe ich, daß von Westen ein riesiges Tief naht. Seine Zugbahn ist viel weiter südlich als normalerweise um diese Jahreszeit. Ich kann nicht weiter Nordost fahren, sonst komme ich da mitten hinein. Es geht nur noch Ost, aber dadurch bekomme ich am Rand des Tiefs guten Wind von der Seite und dann von hinten. Und ganz falsch ist die Richtung ja nicht. Ich stelle den Windpilot auf den neuen Kurs ein. Zudem erhalte ich eine mail von meinem Bruder, er kennt einen bretonischen Segler, der rät, unter den gegebenen Umständen nicht den dicht befahrenen Hafen von Brest anzulaufen, sondern besser ein Stückchen vorher bei Camaret-sur-Mer zu ankern. Das hatte ich sowieso schon mal in Erwägung gezogen und beschließe daher, den Rat des revierkundigen Seglers zu befolgen. Ich setze mich an die Naviecke und krame Seekarte, Bleistift, Kursdreick und Zirkel hervor. Ich werde voraussichtlich zur Springzeit ankommen, da sollte ich die Gezeitenströme berechnen. Bei Schräglage gar nicht so einfach und die Winkel sollten  halbwegs stimmen. Dann fällt eine Bö ein, der Windpilot luvt an, Nica krängt stark und das Kursdreieck fliegt vom Tisch. Aus einer geraden Linie ist der Ansatz einer Sinuskurve geworden. Ich klettere nach oben und schaue, ob alles in Ordnung ist. Die Fahne des Windpiloten klappt allmählich wieder in die Mittelstellung, die Schräglage läßt nach, der Kurs stimmt wieder und alle schauen mich unschuldig an. Ich setze mich auf die Leebank im Cockpit und blicke auf das im Sonnenlicht glitzernde Wasser. Zum Navigieren habe ich noch genügend Zeit.

so läßt sich´s prokrastiniern

In der Nacht wache ich auf, weil irgendetwas nicht stimmt. Die Schräglage ist  anders und das Boot vibriert merkwürdig. Ich schaue ins Cockpit und erstarre, das Großsegel ist backgeschlagen. Nur der Bullenstander, den ich zur Sicherheit immer anbringe hat eine Patenthalse verhindert. Der Windpilot ist ganz zur Seite weggeklappt und schafft es gegen den enormen Druck des Segels natürlich nicht, wieder auf Kurs zu kommen. In T Shirt und Unterhose springe ich ins feuchte Cockpit, hänge den Windpiloten aus und gebe Hartruderlage nach Luv. Mit einem trockenen Knall fällt der Wind wieder auf der richtigen Seite ein. Ich lege die Pinne mittschiffs und versuche den Windpiloten wieder einzuhängen, aber jetzt will er immer abfallen. Ich muß ihn neu einstellen, brauche aber beide Hände dafür. Ich hangele nach dem elektrischen Autopiloten, der in der Backskiste liegt. Mit Mühe kann ich ihn einhängen, aber er steuert nicht. Natürlich, um Strom zu sparen, habe ich ihn ja ausgeschaltet! Der Schalter ist irgendwo hinten in der Backskiste und ich habe in der Eile keine Kopflampe aufgesetzt. Fluchend taste ich in der Backskiste herum und versuche gleichzeitig das Boot auf Kurs zu halten. Endlich ertaste ich den Schalter und mit einem schnarrenden Geräusch beginnt der Autopilot die Pinne zu bewegen. Ich merke, daß ich zittere vor Kälte und Feuchtigkeit. Von unten hole ich mir erstmal die Öljacke und Kopflampe und schalte auch die Kompaßbeleuchtung ein. Wohin fahren wir überhaupt? Aber der Kurs stimmt halbwegs, nur ca zehn grad daneben, das korrigiere ich über den Autopiloten und luve dabei auch etwas an, damit das Segel nicht wieder back schlägt. Dann stelle ich den Windpiloten ein und lasse ihn wieder übernehmen. Wir müssen Strom sparen. Unten an der Naviecke sehe ich, daß die Versorgerbatterie schon wieder fast ganz runter ist. Da stimmt doch was nicht! Also wieder den Motor für eine knappe Stunde laufen lassen. Ich ziehe das komplette Ölzeug an und verbringe den Rest der Nacht halb dösend und im Sitzen, um jederzeit wieder eingreifen zu können.

Am Morgen ist der Wind weg. Komplett. Flaute. Es ist grau und feucht. Eine träge Dünung schaukelt das Boot hin und her. Die Segel schlagen. Ich rolle die Genua ein. Ich könnte die Zeit nutzen, ein drittes Reff ins Großsegel zu setzen. Eigentlich ist es per Hand festzubinden, aber wenn ich eine Reffleine austausche, geht es auch vom Cockpit aus. Es gelingt und ich fühle mich etwas wohler, denn nach Flaute kommt ja angeblich immer Starkwind. Ansonsten ist es ein trister Tag. Am Satellitentelefon sehe ich, daß Nachrichten eingegangen sind, aber ich kann sie nicht öffnen. Irgendjemand will mir etwas mitteilen, aber ich weiß nicht wer und was. Zermürbend. Und die Batterie will auch schon wieder geladen werden. Im zweiten Anlauf klappt es und dann sitze ich mit laufendem Motor in einem dümpelnden Boot.

grummel grummel

4 Kommentare

  • Dieter Nake says:

    Danke für den schnellen Folgebericht. Nun können wir wieder besser schlafen.
    Beste Grüße senden dir

    Gisela und Dieter

  • Dieter Nake says:

    Man eh. Ich habe gerade deine Antwort auf unseren ersten Kommentar gelesen.
    Inzwischen habe ich halb Sachsen in Unruhe versetzt. Zumindest unsere Tochter..

    Liebe Grüße aus Klinga senden wieder
    Gisela und Dieter

  • Ralf says:

    Ich geb mal was dazu … das sind zwei der 140 Zeichen Irridium-SMS Nachrichten, die Dich nicht erreichten:

    1. Na dann dümpel Ri.N. Werden sehen ob Brest Endstation wird. Ich könnte dort Propeller kaufen/planen? Sag Pos durch, wenn ich Wind schauen soll.

    2. 26071200Z vermutenDich4426N02046W Kurs065. Bis27071200Z SW,WdannNmit3-5Bft. Bis28071200Z Nabn1. Bis30070000Z rückSSWaufWmit4-6Bft. Ab3107N1-2Bft.

    So was geht nur unter Männern.

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