Hélice s`en va

von Hartmut Neuber am 07.08.2020 / in Allgemein

Selbst für die banalsten Dinge haben die Franzosen klangvolle Namen. Was wie ein schöner Frauenname anmutet, ist die Bezeichnung für eine Schiffsschraube. Es war ca achtzig Seemeilen nordwestlich von Graciosa, als meine Hélice sich aufmachte, die Tiefen des Ozeans zu erkunden.

Raymond, der französische Einhandsegeler am Steg neben mir, hilft beim Ablegen in Terceira. Er lebt hier auf den Azoren, je suis residente, sagt er. Und diese Inseln sind ja tatsächlich ein schönes Fleckchen Erde mitten auf dem Wasser. Mich aber drängt es, die Atlantikumrundung zu vollenden. Raymond winkt zum Abschied und es ist ein schönes Gefühl, mit guten Wünschen begleitet auf einen langen Törn zu gehen.
Vor dem Hafen ist wegen der Landabdeckung kein Wind und ich tuckere gemütlich an der Küste entlang. Kaum bin ich aber an ihr vorbei, weht es gut von der Seite, ich gehe in den Wind und setze das Großsegel. Es bläst sogar ganz ordentlich, so daß ich froh bin, wie immer vorsorglich das zweite Reff eingelegt zu haben. Ich mache den Motor aus und setze die Genua dazu. Nica legt sich auf die Seite und zischt los. In dem Rauschen der Wellen, glaube ich aber immer noch, das Tuckern des Motors zu hören. Wie das? Um sicher zu sein, starte ich ihn einfach nochmal neu. Ich höre ihn anspringen und habe mich wohl getäuscht. Aber der Gashebel geht nicht über die mittlere Drehzahl hinaus, es macht „klack“ und der Motor rutscht zurück ins Standgas. Ok, da muß irgendein mechanisches Problem am Gaszug sein. Im Moment segeln wir aber gut und liegen außerdem ganz schön auf der Backe, und ich beschließe, die genauere Problemortung zu verschieben, bis wir in der Flaute sind, die ja unweigerlich kommen wird. Ich halte auf die Insel Graciosa zu, denn ich muß zunächst einen ordentlichen Bogen nach Nordwest fahren, also weg vom eigentlichen Ziel Frankreich, um aus dem Azorenhoch herauszukommen. Sobald ich nördlich von ihm bin, plane ich bis 45Grad Nord und 20Grad West zu fahren, um dann auf stetige Westwinde zu treffen. So empfehlen es die Handbücher und ich halte mich erstmal daran.
Das Abendessen ist der kulinarische Tiefpunkt all meiner bisherigen Mahlzeiten an Bord. Bei meinem letzten Besuch im Supermarkt auf Ponta Delgada habe ich mir Glas Nudelsauce „Sweet Pepper“ gekauft und gottseidank nur eines. Es schmeckt einfach nur bitter. Ich verziehe das Gesicht und stopfe die Nudeln in mich hinein. Danach überlege ich kurz, ob ich es mir zu so einem frühen Zeitpunkt meiner Reise leisten kann, aber der Rest von „Sweet Pepper“ geht in hohem Bogen über Bord.
Wir segeln in eine schöne Abenddämmerung.

schon schön

Gegen Mitternacht ist der Wind weg, wie erwartet. Noch sind wir im Azorenhoch. Ich starte den Motor und nach mehreren Versuchen gelingt es mir, den Punkt zu finden kurz bevor der Gaszug ins Standgas zurückrutscht und wir machen eine Marschfahrt von immerhin knapp vier Knoten. Viel schneller würde ich unter normlen Umständen auch nicht fahren. Aber dann entdecke zu meinem Schrecken, daß der Motor die Batterien nicht lädt. Manchmal muß man kurz Vollgas geben, bevor der Ladevorgang einsetzt. Geht aber im Moment nicht. Ich baue die Niedergangstreppe vor dem Motor ab, greife mir den Schrubber, lange damit ins Cockpit und ziehe am Gashebel. Sofort geht der Motor ins Standgas und ich kann genau beobachten, wie der Gaszug am Motor zurückrutscht. Dort ist er jetzt aber zu bewegen, ich gebe mehrmals Vollgas, es dröhnt neben mir, und jetzt lädt die Batterie. Erleichtert seufze ich auf, Strom ist das Wichtigste, ich brauche ihn für die Navigationsgeräte, die Positionslampen und das Satellitentelefon, über das ich Wetterdaten bekomme. Danach fummele ich den Gashebel wieder auf meine Marschfahrtposition und der Diesel schiebt uns durch die Nacht. Ich beobachte das aufgewirbelte Wasser am Heck. Es leuchtet.
Am Morgen ist der Himmel bedeckt, wir haben eine glatte graue See mit langer Dünung. In der Ferne ist noch schemenhaft Graciosa zu erkennen, das wir in der Nacht passiert haben. Laut den Wetterdaten muß ich noch mindestens einen Tag und eine Nacht unter Motor weiterfahren, um Wind zu bekommen. Viel mehr geben meine Treibstoffvorräte aber auch nicht her, denn ich muß sie gut rationieren. Leider bewahrheitet es sich, daß der Windgenerator so gut wie keine Energie liefert. Er dreht sich einfach zu langsam, kommt gar nicht mehr in das vertraute Heulen. Also muß ausschließlich der Motor den Strom liefern und ich werde ihn voraussichtlich mindestens eine Stunde täglich laufen lassen müssen. Das gilt es einzukalkulieren.
In der Backskiste am Heck schraube ich die Verdeckung vor der Steuereinheit ab und untersuche den Gaszug. Obwohl mir grundsätzlich das Prinzip des Bowdenzugs klar ist, kann ich das Problem nicht lokalisieren. Immer wieder macht es „klack“  und der Motor geht ins Standgas. Kurz überlege ich, ob ich das ganze Ding abmontieren soll zwecks genauerer Diagnose. Lieber nicht. Geht ja auch so.
Graciosa ist mittlerweile außer Sichtweite und ich hole die portugiesische Gastlandsflagge ein. Sie hat ein paar Winterstürme überstehen müssen und ist einigermaßen zerfetzt.
Am Abend gibt es Kartoffeln mit Bohnen, ein Essen, das in jeden Bud Spencer Film passen könnte. Ich bin gerade beim Abwasch, als mir etwas am Motorgeräusch auffällt. Es klingt irgendwie heller. Ein Blick auf den Plotter zeigt mir, daß wir kaum noch Fahrt machen, zweieinhalb Knoten. Ist etwas in die Schraube geraten? Draußen ist es noch hell. Ich mache den Motor aus, werfe als Sicherung einen Fender an langer Leine ins Wasser, greife mir die Taucherbrille und leine mich selbst an. Das Wasser ist verdammt kalt. Ich tauche halb unter das Boot. Der aufgefaltete zweiflügelige Propeller starrt mich an. Es ist nichts zu entdecken, kein Schilf, keine Fischerleine. Da sich hier überall portugiesische Galeeren herumtreiben, hochgiftige Quallen mit meterlangen Tentakeln, verzichte ich darauf, ganz hinzutauchen und den Propeller zu bewegen. Hätte ich mal machen sollen. Wieder an Deck starte ich den Motor neu. Er springt an, aber wir machen überhaupt keine Fahrt mehr. Am Heck wirbelt kein Wasser auf, nur kleine Bläschen ziehen Zentimeter für Zentimeter vorbei. Da muß doch was an der Schraube nicht stimmen. Wieder ins Wasser. Es scheint noch kälter geworden zu sein. Ich schaue unter den Rumpf und traue meinen Augen nicht. Die Schraube ist weg. Ich sehe nur noch den leeren Schaft des Saildrives. Unwillkürlich schaue ich nach unten, vielleicht liegt sie da noch. Aber da ist nur unendliches Grün. Hélice ist wahrscheinlich noch unterwegs, sie hat mehr als zwei Kilometer bis zum Meeresgrund zurückzulegen.

nous avons nous avez nu isse weg

 

2 Kommentare

  • Dieter Nake says:

    Hallo Hartmut!
    Und was nun? SOS soll ja schon geholfen haben. Du wirst ja vermutlich keine Ersatzschraube an Bord haben. Oder?
    Im Geiste sehe ich dich schon im Schlepptau eines rettenden Engels auf der Rückfahrt zu einer dieser schönen Inseln.
    Also lass uns bitte nicht in Sorge um dich verkümmern und vielleicht sogar sterben.
    Auf ein positives Lebenszeichen von dir hoffen

    Gisela und Dieter

    • Hallo Ihr Lieben!
      Auch wenn das jetzt die Spannung nimmt, ich schreibe aus der Rückschau! Zur Zeit sitze ich in einer französischen Creperie, die wunderbares Internet hat, im Gegensatz zur Marina, wo Nica sicher liegt. Nur die Reparatur ist noch nicht klar und damit die Frage, ob und wann es weitergeht.
      Deshalb brauche ich weiter Eure guten Wünsche, aber es besteht kein Anlaß mehr zur Sorge!
      Liebe Grüße,
      Hartmut

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.