Die Dritte

von Hartmut Neuber am 19.07.2020 / in Allgemein

Die Seefahrer pflegten in den früheren Jahrhunderten die von ihnen entdeckten Inseln nach Heiligen zu benennen. Mit Sao Miguel und Sao Jorge machen die Azoren da keine Ausnahmen. Allerdings finden sich auch so blumige und elegante Namen wie Flores und Graciosa und ganz banale wie Terceira, die Dritte. Und auch für mich ist es die dritte Azoreninsel, die ich besuche. Gut neunzig Seemeilen sind es von Ponta Delgada. Gegen elf Uhr komme ich los. Im Hafen bläst es ziemlich, an der Tankstelle steht soviel Schwell, dass Nica auf und ab tanzt und die Fender einem extremen Belastungstest unterworfen werden. Kaum habe ich aber die Hafeneinfahrt verlassen, ist der Wind weg und die See ruhig. Rasmus hat einen eigenen Humor. Die ganze Küste entlang muss ich motoren, kurze Versuche zu segeln sind erfolglos. Erst als ich die Westspitze passiert habe, brist es auf, ich setze die Segel, habe seitlichen Wind und Nica legt los. Sechseinhalb Knoten im Schnitt, wusste gar nicht, dass das Boot so abgehen kann. Längere Strecken mit halbem Wind hatte ich auf der ganzen Reise noch nicht. So rauschen wir bis zum Abend dahin, Sao Miguel ist nur noch als Schatten seiner selbst auszumachen. Bei dieser Geschwindigkeit werde ich allerdings mitten in der Nacht in Terceira ankommen, den Hafen bei Dunkelheit ansteuern und dann bis zum Morgen am Warteponton ausharren. Muss auch nicht sein. Da der Wind mittlerweile immer achterlicher kommt, beschließe ich das Groß wegzunehmen und mit ausgebaumter Genua weiterzufahren wie weiland im Passat. Damit sind wir immer noch schnell genug und dürften am frühen Morgen da sein. Ich genehmige mir das erste Feierabendbier auf See. Viel Schlaf wird es nicht geben, ich habe vor, nur in 20min Intervallen zu schlafen. Zwischen den Inseln könnte zu viel Verkehr sein, oder Fischer, die unvermutet den Kurs ändern. Nach Einbruch der Dunkelheit ist Terceira als ein heller Fleck voraus schon auszumachen. Gegen Mitternacht passieren wir die Dom Juao Bank, eine Untiefe, um die ich mich vor einem Jahr mühsam herumgekämpft habe. Diesmal kein Problem, aber der Wind wird immer schwächer, ich muss mir durchaus keine Sorgen mehr machen, zu früh anzukommen. Dazu fällt er immer vorlicher ein und gegen zwei Uhr morgens muss ich auf dem Vordeck herumturnen, um den Spibaum wegzunehmen. Etwas später hat er sich dann eher seitlich eingependelt, ist aber so schwach geworden, dass mittlerweile eine Ankunft während der Öffnungszeiten des Hafenbüros fraglich wird. Ich setze das Großsegel wieder, mit dem Ergebnis, dass der Wind jetzt ganz weg ist. Ich will schon fluchend den Motor anwerfen, warte aber noch. Und siehe da, nach einem Viertelstündchen füllt sich das Segel, es brist wieder auf, wir machen Fahrt. Dass es gleichzeitig anfängt zu nieseln, stört mich nicht.

Hohe Luftfeuchtigkeit

Es dämmert ein grauer Morgen herauf, ich bin wegen der vielen nächtlichen Aktionen und kaum Schlaf ziemlich k.o. Von Terceira kann ich mittlerweile schon die vorgelagerte Halbinsel Monte Brasil ausmachen. Die ganze Insel sollte nämlich mal Brasil heißen, hat sich aber nicht durchgesetzt, es blieb bei der Ordnungsnummer, nur der vorgelagerte Berg erhielt den Namen. Vorgelagert sind aber auch zwei fiese kleine Felsen, die kaum über die Wasseroberfläche ragen. Ich halte mich genauer an meine Kurslinie. Dann sehe ich Steuerbord voraus Brandungswellen. Erwischt, da sind sie. Der Abstand ist gebührend, wir kommen gefahrlos vorbei.

Aus alter Nervosität, wenn ich einen unbekannten Hafen anlaufe, nehme ich die Segel schon sehr früh weg und bereitete Leinen und Fender vor. Der Wind ist aber auch schon wieder fast eingeschlafen, der brist bestimmt erst beim Anlegemanöver auf. Genauso ist es, der erste Anlegeversuch am Warteponton schlägt fehl, aber ein freundlicher Hafenbeamter hilft beim zweiten und wir kriegen Nica fest. Später liege ich in einer gemütlichen engen Box und falle erstmal in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf.

Angra de Heroismo, der Hauptort auf Terceira ist ein wunderhübsches Städtchen und Weltkulturerbe, flankiert allerdings von einer grauenvollen Bausünde. Eine wabenartig in den Bergabhang gebaute Betonhotelanlage. Sie scheint leerzustehen und zu verfallen und falls das coronabedingt ist, hat die Pandemie auch was gutes. Sonst wirkt der Ort quirlig und lebhaft und trotz der Masken vor den Gesichtern habe ich zum erstenmal seit einem halben Jahr das Gefühl von Normalität. Alles wirkt leicht und unbeschwert. Vielleicht liegt es an mir, der ich froh bin, endlich weitergekommen zu sein. Ich bummele durch die Stadt und habe nach zwei Straßenzügen schon ein schönes Kaffeehaus entdeckt, in dem ich die nächsten zwei Tage öfter sitzen werde.

weiter muß man gar nicht kommen…

Das Wettergeschehen ist nach wie vor nicht sonderlich günstig. Im Nordosten, genau der Richtung, die ich segeln will, liegt ein langgestrecktes Hochdruckgebiet, das mir entweder Flaute oder Gegenwind beschert. Nur an der nördlichen Flanke kann ich mit Westwinden rechnen. Ich beschließe bis Sonntag zu warten, dann erstmal nach Nordwesten zu fahren, also fast in die entgegengesetzte Richtung. Aber ich muß den westlichen Zipfel des Hochs umfahren, um für mich günstigen Wind zu finden. Erst dann kann ich ostwärts Richtung Frankreich segeln. Das verlängert die Strecke um mehr als hundert Seemeilen, also gut einen Tag länger, aber ich habe keine andere Wahl.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, loszufahren, ohne die genaue Strecke zu kennen. Ich habe mir zwar eine Route auf dem Plotter eingezeichnet, weiß aber, daß sie nur als grobe Orientierung gelten und jederzeit Abweichungen verlangen kann. Es wird nicht unspannend. Wie immer habe ich für die doppelte Zeit Vorräte und die dreifache Wasser gebunkert.
Gerne hätte ich auch mehr von Terceira gesehen. Die dritte Insel gefällt mir von den wenigen Eindrücken her am besten.
Aber wie heißt es in einem Lied von den Wise Guys,  „der Wind ruft, ich muß mich beeiln…“

 

2 Kommentare

  • Schmidt-Lorenz Maria says:

    Lieber Hartmut
    toll das du wieder segelnd unterwegs bist. Es ist immer ein Respekt einflößendes Gefühl den Wind in der Hand zu halten. Ich bewundere deinen Mut ganz alleine solche Touren zu machen, deinen Blog Lese ich Mit freundlichen Grüssen Maria Schmidt-Lorenz Sehr geehrte Damen und Herren viel Freude.
    Mast-und Spirenbruch und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel wünscht dir Maria

  • Schmidt-Lorenz Maria says:

    Es sind Textbausteine hineingeraten 😀

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