Nur mehr als 48 Stunden

von Hartmut Neuber am 14.07.2020 / in Allgemein

Die erste Nacht schlafe ich im Salon. In der Bugkajüte machen sich noch das Vor- und das Großsegel breit. Am nächsten Morgen versuche ich die Gasflasche wieder anzuschließen, klappt aber nicht, ständig tritt Gas aus. Keine Möglichkeit, Kaffee zu kochen. Irgendein Cafe aufsuchen geht auch nicht, ich darf das Boot ja nicht verlassen. Wenigstens die sanitären Anlagen sind nicht geschlossen. Thomas und Any, die sich während meiner Abwesenheit um das Boot gekümmert haben, schauen vorbei und Any bietet an, ein paar Lebensmittel zu besorgen. Ich bitte um H-Milch, Müsli und etwas Obst. Thomas rät mir, die Dichtung des Gasanschlusses zu überprüfen. Sie ist tatsächlich spröde und porös, zerbröckelt beim Herausnehmen. Glücklicherweise habe ich Ersatz, das Gas will aber immer noch nicht fließen, bis mir einfällt, daß es hinter dem Herd ja noch ein weiteres Sicherheitsventil gibt.
Als Any später die Milch vorbeibringt, kann ich den ersten Kaffee an Bord kochen.

vorher

nachher

An weiteren Problemen tun sich auf, das Funkgerät empfängt kein GPS, das AIS blinkt rot, weil irgendwas mit der Antenne nicht stimmt, und als ich die Luke der Achterkajüte öffnen will, bricht der Griff ab. Hätte alles schlimmer kommen können. Ansonsten nämlich ist Nica in sehr gutem Zustand! Ich überwinde mich sogar und tauche in dem trüben Hafenwasser den Rumpf ab, auch der Bewuchs ist halb so wild.
Das Trinkwasser aus den großen Plastikkansitern, die ich teilweise noch in der Karibik gekauft habe, ist problemlos genießbar, einige Konserven sind immer noch gut und ein paar Vorräte habe ich mitgebracht. So müßte es sich aushalten lassen, bis ich das hoffentlich negative Ergebnis meines Tests erhalte. Leider bekomme ich weder nach zwölf, vierundzwanzig noch achtundvierzig Stunden Nachricht. Ich rufe bei der Nummer an, die man mir gegeben hat, wo man mich höflich um Geduld bittet, man sei im Verzug.
In den nächsten Tagen überprüfe ich alle Leinen und Falle, checke das Rigg, sämtliche Blöcke und Umlenkrollen und werde allmählich ungeduldig. Am vierten Tag habe ich gerade entdeckt, daß das Antennenkabel in der Halterung am Heckkorb gerissen ist, als das Handy klingelt. Eine Nummer aus Ponta Delgada, es meldet sich eine Frauenstimme.

„Mr Hartmut Neuber?“ – “ Yes“. – „You have to talk to the doctor.“

Es ertönt Warteschleifenmusik. Jetzt klopft mir doch das Herz. Was wäre wenn…?

Eine Männerstimme.
„Mr Hartmut Neuber?“ – „Yes“ – “ I have to inform you…(Pause)…that your Covid 19 Test…(Pause)…is negativ.“

Rumms fällt der Stein vom Herzen. Er nuschelt noch irgendwas von Entschuldigung wegen der Verspätung, aber ich bin erstmal erleichtert.
Von Any, die ich endlich in ihrem Büro besuchen kann, erfahre ich, daß es aktuell drei Coronafälle auf Sao Miguel gibt. Das klingt nach nichts, aber meine Hoffnung auf der Insel der Glückseligen und Maskenfreien gelandet zu sein, wird leider enttäuscht. Auch hier gilt beim Betreten von Innenräumen das Vermummungsgebot und das öffentliche Leben ist teilweise eingeschränkt, was mir bereits duch das Ausbleiben der abendlichen Livemusik in der Hafenbar aufgefallen ist. Als ich am Sonntag ein wenig durch die Innenstadt bummele, wirkt sie toter als eine Kleinstadt am Niederrhein. Schade, das war letztes Jahr eindeutig anders.
Während der ersten Wochen des Lockdowns, oder Shutdowns oder wie auch immer, als man nur noch für die wichtigsten Besorgungen und zum Frische-Luft-Schnappen die Wohnung verlassen durfte, hatte sich bei mir bereits ein anderes Zeitempfinden entwickelt. Die einzelnen Tage wurden gleichförmiger, weniger unterscheidbar und die Zeit wälzte sich wie ein träger Strom durch sie hindurch. Dies schien sich irgendwie hier auf der Azoreninsel fortzusetzen.                                                                                                                                                                                                                                Im Hafenbüro frage ich nach einem Termin, um das Boot aus dem Wasser kranen zu lassen und bekomme nach einer Woche bescheid, am Ende der nächsten Woche sei es möglich. Der Elektromechaniker, den ich wegen des Antennenkabels zurate ziehen will, verspricht, in den nächsten Tagen zurückzurufen und tut es nicht. Ich erledige kleinere Reparaturen, wie den Griff der Achterluke und bummele erneut durch die Stadt. Ein Straßenfeger pfeift so volltönig vor sich hin, daß der jüngst verstorbene Ennio Morricone ihn engagiert hätte. In einer Kirche sehe ich, wie eine Putzfrau sich am Altar zu schaffen macht. Sie verschwindet kurz hinter dem Allerheiligsten und kehrt mit einem Staubsauger zurück, um den Teppich vor dem Altar zu saugen. Systemrelevant. Für einen Tag miete ich ein Auto, fahre auf die andere Seite der Insel, bade kurz im Atlantik. Später komme ich an einem einsamen, umwaldeten See vorbei, an dem eine steinzerfressene Kirche steht, die aussieht wie die sehr kleine Schwester des Ulmer Münsters. Der Tag ist grau und trüb, das Wasser des Sees gluckert leise am Ufer. Wäre mal eben Undine dem See entstiegen, hätte ich mich nicht gewundert.

gleich kommt sie um die Ecke…

Inzwischen sind fast vier Wochen vergangen und es könnten auch vier Tage oder vier Monate gewesen sein. Übermorgen plane ich loszufahren. Viele Dinge haben sich wie von selbst, auf sehr skurrile Weise oder gar nicht erledigt. Im AIS Gerät konnte ich ein Selbstdiagnoseprogramm starten und plötzlich leuchtet es traulich grün. Sehr schön. Der Elektromechaniker kommt dann endlich doch vorbei, erklärt mir, das gesamte Antennenkabel sei verrottet und verschafft mir ein neues. Nur der Krantermin wird zum Desaster. Die bereitgestellten Stützen, um das Boot abzustellen, passen nicht und andere gibt es erst Montag. Nica hängt im wahrsten Sinne des Wortes in den Seilen, die portugiesischen Hafenarbeiter versuchen eine Lösung herbeizutelefonieren und ich versuche währenddessen wenigstens die Opferanode, die ich in Deutschland gekauft habe anzubringen. Natürlich paßt sie nicht und am Ende des Tages wird Nica wieder ins Wasser gelassen. Unverrichteter Dinge fahre ich zum Steg zurück. Ich habe aber sehen können, daß der Rumpf tatsächlich kaum bewachsen ist, die alte Opferanode noch vorhanden und daher kein dringender Handlungsbedarf besteht. Also alles gut soweit, ich verschiebe weitere Arbeiten bis zum meiner Ankunft am Festland.
Der Windvorhersage für die nächsten Tage sieht ganz gut aus, um nach Terceira zu segeln. Das sind eine Tages und eine Nachtfahrt, also genügend Gelegenheit, um Boot und Besatzung zu testen. Für die Tage danach und die weitere Passage von Terceira zum Festland hingegen beschert ein nordöstlich gelegenes Hochdruckgebiet Gegenwind. Eher ungünstig.
Aber es ist ja noch Zeit.

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