Fast genau ein Jahr

von Hartmut Neuber am 17.06.2020 / in Allgemein

Wenn ich, so denn alles klappt, am kommenden Sonntagabend auf den Azoren landen werde, ist fast genau ein Jahr seit meiner Abreise von dort vergangen. Ein Jahr lang lag Nica allein an ihrem Steg und hat  die Zeit hoffentlich gut überstanden. Im Herbst zog ein verirrter Hurrikan, der zu früh nach Nordosten abgebogen war, über die Azoren, hat Sao Miguel glücklicherweise aber nur  gestreift. Im Dezember kam dann ein heftiger Wintersturm aus Südost, dummerweise von der Seite, zu der hin der Hafen offen ist. Die Persenning hat dran glauben müssen, aber sonst ist nichts weiter passiert, versicherte es  mir Thomas, der zusammen mit seiner Frau Any nach Nica schaut. Also Glück gehabt, auch wenn Nica seitdem ohne Schutz überm Cockpit auskommen musste.

per se so kein Schutz mehr

In der Zwischenzeit ist ein fieses kleines Virus aufgetaucht, das  weltweit die gewohnte Lebensweise zum Erliegen brachte, und damit die einmalige Chance bot, zur Ruhe und zum Nachdenken zu kommen. Nun normalisiert sich das Leben langsam wieder und es steht zu befürchten, daß alles seinen  Gang nimmt wie zuvor.  Bietet mir  aber die Gelegenheit, ein Flugzeug Richtung Sao Miguel zu besteigen, was lange Zeit ja nicht möglich war.

In meiner kleinen Leipziger Wohnung herrscht erwartungsvolle Unordnung. Ein XL Paket der Post ist schon vollgepackt,  mußte  allerdings teilweise wieder ausgeräumt werden. Allein der Reeds Nautical Almanac und sieben neue Seekartensets des NV Verlags ließen die Belastbarkeit des Kartons an seine Grenzen kommen. Die vier Kilo der neuen Opferanode taten ihr übriges. Dazu noch Wassertankreiniger und ein Spray für die Mastrutscher, damit sie leichter gleiten und ich beim Segelbergen nicht alles mühsam runterzerren muß. Der neue Treibanker, der zusammengepackt ein bißchen aussieht wie ein Minitrampolin, aber paßt keinesfalls in das Paket, ich werde versuchen, ihn irgendwie in meine alte Tauchtasche zu biegen.

Treibanker in Frischhaltefolie

Zuguterletzt kommt noch das aktuelle  Nautische Jahrbuch dazu, obwohl ich noch nie geschafft habe, eine  Sextantenmessung vernünftig auszuwerten. Aber dem amtierenden amerikanischen Präsidenten in Hochform ist zuzutrauen, daß er auch noch das GPS abschaltet. You ought to be prepared.

Dazwischen sitze ich mit gemischten Gefühlen. Dieser Aufbruch ist ein anderer als vor zwei Jahren. Ich freue mich sehr darauf, wieder zu segeln, aber dazu kommt eine gehörige Portion Respekt vor der letzten Etappe über den Nordatlantik. Und ich muß wieder ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, die Pinne in der Hand zu halten, das Boot zu spüren und mich mit dem Windpiloten auf einen vernünftigen Kurs zu einigen.

Der Plan ist, Richtung Bretagne zu segeln und Landfall an dem hübschen kleinen Hafen Camaret sur mer in der Nähe von Brest zu haben. Nach einer ordentlichen Verschnaufpause soll es dann, so die Zeit noch reicht, durch den englischen Kanal bis zum Ijsselmeer gehen, wo Nica dieses Jahr überwintern soll. Die Reviere werden anspruchsvoller. Spätestens Mitte August sollte ich daher von den Azoren aufbrechen. Vorher muß ich natürlich erstmal dorthin kommen, was in  der augenblicklichen Situation nicht so selbstverständlich ist wie vor einem Jahr. Aber ich bin optimistisch. Also: Fortsetzung folgt…

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