Auf die letzten Meter!

von Hartmut Neuber / am 01.07.2019 / in Allgemein

Eigentlich hatte ich mir den Hafen auf der Insel Santa Maria als Liegeplatz für Nica über den Winter ausgesucht. Er gilt als der sicherste Hafen auf den Azoren. Von einem befreundeten Skipper erfuhr ich allerdings, daß dort Boote über einen längeren Zeitraum nur aufgebockt an Land gelagert werden dürfen. Nica ist Zeit ihres Lebens im Wasser gewesen, was  der Gummimanschette am Saildrive zugute kommt, die dadurch nicht austrocknen kann. Unter anderem deswegen entschied ich mich gegen Santa Maria und für Ponta Delgada auf der Insel Sao Miguel . Dies ist ein großer und quirliger Hafen, der zwar bei Südost einigen Schwell hat, aber dafür bietet ein deutschsprachiger Bootsservice ganzjährige Betreuung für Dauerlieger an. Dabei werden regelmäßig die Leinen überprüft, das Boot durchgelüftet, und man kümmert sich um Motor und Batterie.  Erscheint mir als die bessere Variante und ich kann beruhigt zurück nach Deutschland fliegen.

Vorher aber lasse ich Nica nochmal aus dem Wasser holen  und den  Bewuchs am Rumpf abspritzen. Im Laufe der Zeit haben sich dann doch eine ganze Menge Muscheln, Algen und anderes Zeugs dort breitgemacht.

Vorher

Das  Muschelzeugs sehe ich am Abend dann in ähnlicher Form auf einem Vorspeisenteller wieder, verzehre es aber trotzdem mit gutem Appetit. Damit es nächstes Jahr nicht noch mehr sein wird, trage ich anderntags  eine neue Schicht Antifouling auf. Vor einem knappen Jahr habe ich in Empuriabrava  das gleiche getan, zumindest was das betrifft, hat sich ein Kreis geschlossen.

Nachher

Danach dann die Segel abschlagen und auf der Kaimauer  zusammenlegen.  Dabei muß ich an die letzte Etappe meiner Reise denken, von Faial hierher, auf der ich den Fehler begangen habe, nicht rechtzeitig die Segel zu reffen.

Von Faial bis Sao Miguel sind es ca 150 sm, also ein Tag, eine Nacht und einen Tag Fahrt. Bei   Windstille breche ich am frühen Morgen in Horta auf. David auf seinem Boot neben mir läßt es sich nicht nehmen, beim Ablegen zu helfen.  Wir wünschen uns gegenseitig good luck! bzw Handbreit! (Wasser unter dem Kiel) und ich tuckere aus dem Hafen. Laut Wettervorhersage wird heute schwacher Wind aus Nordwest sein, erst morgen soll er etwas kräftiger werden. Ich habe mich entschieden, durch den Kanal zwischen Pico und Sao Jorge zu fahren in der Hoffnung, daß dort durch den Düseneffekt etwas mehr Wind ist. Ist es aber erstmal nicht, dafür scheint die Sonnen von einem strahlend blauem Himmel und ich kann auf beiden Seiten grün bewaldete Täler und Berghänge erkennen . Die Azoren sind echt schöne Inseln.

Pico bello

Gegen Mittag kommt  etwas Wind auf und es ist sogar möglich, einen Schmetterling zu fahren. Ich brauche das Groß nicht mal allzuweit aufzufieren, sodaß es nicht auf den Salingen und Wanten aufliegt. Wieso hat das im Passat nicht so schön geklappt! Aber wie in einer guten Beziehung lernt man sich erst im Laufe der Zeit so richtig kennen.

Passabel auch im Passat

Mit vier bis fünf Knoten gluckern wir gemütlich dahin, als aus dem Funkgerät eine Stimme quäkt. Erst auf Portugiesisch, dann Englisch.  All stations all stations, navigational warning. Holla, das scheint was Wichtiges zu sein! Danach verstehe ich, change to channel sixfiveseven. Bitte? Dass man vom Bereitschaftskanal 16 auf einen anderen wechselt, ist klar, aber was ist channel sixfiveseven? Ich wechsle auf Kanal 65. Nichts. dann 70. Nichts. Dann 6, dann 5, ebenfalls nichts. Ich gehe alle Kanäle durch und auf Kanal 11, Eleven, höre ich eine gelangweilte Stimme auf portugiesisch. Ich verstehe nur Nordwest. Irgendwann ist sie fertig, aber auf Englisch kommt nichts mehr. Prima. Nordwest ist der Wind, den ich im Augenblick habe und da die Wetterstationen nicht vor Flaute warnen, wird er also irgendwann stärker werden. Falls es um den Wind ging. Ich könnte versuchen, Terceira anzulaufen, würde aber erst bei Dunkelheit ankommen und außerdem weiß ich ja gar nichts genaues. Also behalte ich erstmal Kurs, Geschwindigkeit und Segelkonstellation bei.

Als wir aus dem Kanal heraus sind, wird der Wind etwas stärker. Auch als gegen Abend sich die Bewölkung verdichtet, reagiere ich blöderweise immer noch nicht, der Schmetterling läuft  so schön. Ich bin gerade unter Deck, um die Position zu notieren, als es einen dumpfen Schlag gibt und das Boot kurz erzittert. Das Großsegel ist back geschlagen. Ich stürze an Deck.  Glücklicherweise hat der Bullenstander seinen Job gemacht und der Baum ist nicht übergekommen. Ich  falle etwas ab, bis der Wind wieder von der richtigen Seite her ins Segel greift. Die untergehende Sonne bescheint eine dichte graue Wolkendecke und überall um mich herum bilden sich Schaumkronen. Wind über zwanzig Konten. Das Wetter auf dem Atlantiok kann sich verdammt schnell ändern, mittlerweile sollte ich es wissen. Jetzt erstmal den Schmetterling auflösen und das Groß, das glücklicherweise schon im zweiten Reff ist, auf die andere Seite. Aber jetzt  luvt der Windpilot immer weiter an, das ausgebaumte Vorsegel fängt an  zu schlagen. Damit nimmt er mir die Entscheidung ab, welches Segel zu bergen ist.  Ich löse die Vorschot,  aber der Spibaum  bekommt ungewohnterweise den Wind von schräg vorne. Er tanzt zur Seite und läßt sich nicht aufs Deck ablassen. Ich muß gleichzeitig den Toppnant fieren und den Baum zur Bootsmitte ziehen. Als das Vorsegel endlich geborgen ist, stelle ich den Windpiloten wieder auf den alten Kurs ein. In der Dämmerung sind Pico und Sao Jorge kaum noch zu erkennen, steuerbord kann ich die Lichter von Terceira ausmachen. Ich würde lieber nur mit dem Vorsegel durch die Nacht fahren, aber Wind und Welle sind mir jetzt schon zu stark, um das Groß wegzunehmen. Ich setze den Bullenstander  durch.  Eine knappe Stunde später ist es dunkel, kein Mond, keine Sterne. Bald ist auch von Terceira nichts mehr zu sehen. Der Windpilot steuert gut, aber in jeder Bö luvt er an und es dauert, bis er auf den alten Kurs zurückkommt. Dadurch fahren wir immer weiter nördlich. Um Mitternacht  trage ich die Position auf der Seekarte ein.  Wir sind  weit von der Kurslinie abgekommen  und  steuern auf eine Untiefe zu. Ein unterseeischer Berg, der bis auf zwölf Meter unter die Wasseroberfläche hochkommt. Bei dem aktuellen Wind können sich darüber Brecher bilden. Nicht ungefährlich. Ich habe aber auch keine Lust, eine Halse zu fahren, also beschließe ich,   selber zu steuern. Eine knappe Stunde ist noch Zeit. Vielleicht kommen wir ja dran vorbei.

Ich setze mich an die Pinne. Es ist stockdunkel. Nur ab und zu sind ein paar  Schaumkronen zu erahnen. Über mir jault der Windgenerator. Ich starre auf die Anzeige mit dem Windeinfallswinkel. Sie und der Druck auf der Pinne sind meine einzigen Referenzpunkte. Für einen kurzen Moment wird mir schwindlig. Ich schaue den Niedergang hinunter, wo die rote Lampe über dem Navitisch traulich leuchtet. Das hilft.  Nach einer guten halben Stunde meine ich, eine weiße Wolkenbank am Horizont zu sehen. Dann merke ich, daß es der weiße Relingsdraht ist. Ich brauche eine Pause. Der Windpilot muß wieder übernehmen. Ich gehe hinunter zum Navitisch, und überprüfe die Position. Es hat nichts genutzt, wir kommen der Untiefe immer noch zu nahe. Ich muß halsen. Ich gehe wieder hoch und picke mich ein. Zur Sicherheit lasse ich den Windpilot etwas anluven, bevor ich den Bullenstander löse. Dann lasse ich ihn ca 40 Grad abfallen, greife  nach der Großschot und hole sie dicht. Als ich spüre, daß der Wind von der anderen Seite ins Segel greift, fiere ich so schnell wie möglich auf.  Wieder an die Pinne und etwas Gegenruder geben. Danach den Bullenstander auf der anderen Seite anbringen. Hat alles besser geklappt als erwartet Jetzt fahren wir zwar zu weit Süd, aber weg von der Untiefe. Im weiteren Verlauf der Nacht   muß ich noch zweimal halsen. Wir kreuzen vor dem Wind. Gegen sechs Uhr wird es endlich etwas heller, Himmel und Meer sind zu unterscheiden. Der Wind hat etwas nachgelassen und gegen acht Uhr sieht es so aus, als ob es noch ein schöner Segeltag werden könnte. Dann verdichten sich die Wolken aber  wieder und ziehen mit Regen über mich hinweg.  Böen legen das Boot so sehr auf die Seite, daß ich erschrocken den Windpilot aushänge.  Mit aller Kraft ziehe ich die Pinne zu mir heran  um abzufallen. Das Boot krängt weiter, das Ruder ist schon halb aus dem Wasser. Irgendwie schaffe ich es, daß das Boot nicht in den Wind schießt. Mensch, Atlantik! Auf die letzten Meter! Als  die Böen schwächer werden, hänge ich wieder den Windpilot ein.  Inzwischen müßte Sao Miguel  längst zu sehen sein. Irgendwo dahinten, wo die Wolken so dicht sind. Endlich entdecke ich backbord voraus eine Felsnase seitlich aus den Wolken hervorlugen. Wir sind doch schon ziemlich nahe. Etwas später reißen die Wolken auf und ich kann Einzelheiten der Küstenlinie erkennen. Dann kommen wir in die Landabdeckung, der Wind wird schwächer und am späten Nachmittag halte ich auf den Hafen von Ponta Delgada zu. Hier brist es wieder auf . Vor der Hafeneinfahrt sehe ich eine kleine Armada von Segeljollen munter hin und her kreuzen. Mir egal, ich werfe den Diesel an, freue mich, daß er läuft, berge das Groß, freue mich, daß es klappt und fahre unter Motor an den kleinen Segelbooten vorbei. Sollen sie mich doch für einen faulen Fahrtensegler halten.

Farewell

Die Segel sind abgeschlagen und im Vorschiff verstaut. Die letzte Nacht schlafe ich wieder im Salon. Am nächsten Morgen dann die Persenning übers Cockpit spannen und jetzt ist es wirklich soweit.  Am Steg stehen meine beiden Reisetaschen. Ich klettere von Bord und schaue dann auf dieses neuneinhalb Meter Boot, das mich  sicher über den Atlantik getragen hat, von den Kanaren zu  den Kapverden, zu den Leeward Islands der Karibik und von dort zu den Azoren.   Ich streiche ein letztes mal über den Bugkorb. Mach´s gut Nica! Komm gut durch den Winter! Nächstes Jahr geht’s weiter.

Dann schultere ich meine Taschen und mache mich auf den Weg.

 

P.S.

Damit beschließe ich diesen Blog. Es hat großen Spaß gemacht und ich bedanke mich ganz herzlich bei allen Lesern! Besonders schönen Dank für die vielen Kommentare, die mich ermuntert und unterstützt haben! So war ich einhand unterwegs, aber nie wirklich alleine.

München, 30. Juni 2019

 

 

2 Kommentare

  • Jens Glanze says:

    Lieber Hartmut,

    ich habe mit viel Anteilnahme dein Abenteuer mitverfolgt. Vielen Dank für deine tollen Berichte, die trotz aller gefählichen Situationen, immer mit viel Humor verfasst wurden. Ich habe allergrößten Respekt vor deiner Leistung!

    Liebe Grüße und vielleicht bis bald
    Jens

  • Lisa Frenzel says:

    Lieber Hartmut,

    trotz der Ferne konnte ich das Abenteuer durch deine Beiträge spüren! Vielen Dank fürs Teilhaben-Lassen, ich habe deinen Blog sehr gern gelesen. Gratulation und Respekt für deine Reise! Mögen weitere folgen und dir die Erfahrungen und Erlebnisse dieser Tour positiv und inspirierend erhalten bleiben…

    Vielleicht sehen wir uns mal wieder. Bis dahin, alles Gute,
    Lisa

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