Schöne Bilder

von Hartmut Neuber / am 08.06.2019 / in Allgemein

I
Der Tag nach dem Sturm ist fast noch schlimmer. Gegen 11Uhr am Vormittag läßt der Wind spürbar nach, die Welle jedoch kaum. Ich muß wieder das Segel setzen, damit wir weiter Fahrt machen und der Windpilot steuern kann. Das Vordeck ist naß und rutschig. Als ich gerade das Fall am Mast löse, rutsche ich aus, eine Welle schleudert mich einmal quer über das Vordeck und zurück, ich stoße hart gegen den Mastfuß und lande im Relingsnetz. Dabei schlage ich mir das Knie und Schienbein an. Ersteres merke ich zunächst gar nicht, weil sich der Schmerz vom Schienbein in den Vordergrund drängelt. In mir steigt Wut hoch, aber gegen wen soll sie sich wenden. Die Welle hat nichts gegen mich, sie ist einfach nur da und macht ihren Job. Ich rappele mich auf, atme schwer und kriege endlich das Segel gesetzt. Nach einer knappen Stunde aber hat der Wind weiter abgenommen und wir werden zu langsam für die hohe Welle. Sie wirft das Boot immer wieder aus dem Kurs, ich muß erneut nach vorne, die Sturmfock bergen und wieder die Genua anschlagen. Dabei rauscht mir die Sturmfock halb ins Wasser, es gelingt mir gerade noch sie wieder an Deck zu holen, bevor sie unters Boot gezogen wird. Nachdem dann die Genua steht, wanke ich  unter Deck. Heiße Dusche käme jetzt gut. Haha. Um mich herum ist alles kalt, feucht und klamm. Ich beschließe mir einen Kaffee zu kochen. Die kleine Espressokanne muß ich dabei auf dem Herd festhalten und mich selber auch. Als der Kaffee endlich durch ist, gieße ich ihn in eine Tasse und stelle sie zur Sicherheit in die Spüle. Ich will nur noch die Milch warm machen, als eine Welle das Boot dermaßen auf die Seite legt, daß die Tasse in der Spüle umkippt. Der Kaffee läuft in den Ausguß. Das ist zuviel. Ich brülle vor Wut und Enttäuschung. Jetzt merke ich auch den Schmerz im Knie. Ich starre auf den Holzboden im Salon, wo eine dünne Lache Wasser mit jeder Schiffsbewegung leidenschaftslos hin und herschwappt. Es hilft nichts. Neuen Kaffee kochen. Ich mache mich an die Arbeit.

In den nächsten beiden Tagen normalisiert sich das Bordleben wieder. Der Wind hat sich auf Süd eingepegelt, ich kann das Großsegel setzen und wir fahren einen schönen Halbwindkurs Richtung Osten, Richtung Azoren. Die feuchten Klamotten und die Bettwäsche beginnen zu trocknen. Das Segeln macht wieder Spaß. In der Ferne sehe ich, wie sich Wolken zusammenziehen und abregnen. Ein schönes Bild, vor allem, weil es weit entfernt ist.

Neue Wetterdaten aber verheißen nichts Gutes. Von Westen kommt  ein erneutes Starkwindfeld und zieht  mir hinterher. Der Wind darin weht in nördlicher Richtung. Abgesehen davon, daß ich nicht die allergeringste Lust verspüre nochmal so was mitzumachen, würde ich auch zu weit nach Norden versetzt. Es heißt also Strecke nach Osten machen und dem Wind davon fahren. Ich rechne aus, daß ich eine Mindestgeschwindigkeit von fünf Knoten brauche. Das ist machbar, wenn der Wind, den ich im Moment habe, nicht nachläßt. Ich rolle die Genua ganz aus.

Die nächsten beiden Tage sind ein ständiges Bangen und Hoffen, ob ich dem Starkwind entkommen kann. Es wird knapp. Aus dem schönen Halbwindkurs ist inzwischen ein Am Wind Kurs geworden, es weht mit 20kn aus Südost. Ich muß so hoch wie möglich am Wind laufen, um einen Ostkurs zu halten, auf dem ich schnell genug bin. Falls ich die Höhe nicht halten kann und zu weit nach Nordost komme, holt mich das Starkwindfeld ein und ich verfehle ich auch Faial . Flores, die nördlichste Insel der Azoren, wäre eine Alternative. Ich schlage im Handbuch nach und lese, daß es dort in  der einzigen Marina keine Wäscherei gibt und nur kalte Duschen. Flores ist aus dem Rennen und ich hole die Schoten noch etwas dichter.

II
Das Bordleben bei 25Grad Schräglage ist nicht leicht, es gibt nur ein Festhalten, Hangeln und besonders viel Geschicklichkeit ist auf der Bordtoilette angesagt. Aber das Ziel ist auf einmal in greifbarer Nähe. Übermorgen in der Frühe könnte ich Horta erreichen. Als ob sie das spüren würde, entwickelt Nica auf einmal Rennqualitäten. Sie rauscht nur so dahin, die Fahrt sinkt kaum unter 6kn. Wir werden dem Starkwind entkommen, aber eine bizarre Pointe wartet noch auf mich.

Am Spätnachmittag des vorletzten Tages sehe ich auf dem AIS einen Frachter auf mich zukommen. Er wird ziemlich nahe vorbeiziehen, den sollte ich im Auge behalten. Ich gehe an Deck und kann ihn schon gut erkennen. Ziemlich dicker Pott. Dann höre ich deutlich eine männliche Stimme im Funkgerät. Nanu? Das muß der Frachter sein, sonst ist hier ja niemand. Ich melde mich und höre die Stimme etwas von Motorproblemen reden. Klingt nicht gut. Ich frage, ob ich den Kurs ändern soll und die Stimme fragt mich, wo ich hinfahre. Ich sage, ich fahre neunzig Grad, Richtung Faial. Die Stimme fragt, ob ich Schlepphilfe leisten kann . Die leisen Zweifel, ob ich wirklich mit dem Frachter rede, erhärten sich. Hier muß irgendwo ein drittes Schiff sein. Jetzt meldet sich eine weitere Stimme und die gibt sich als der Frachter zu erkennen, der Name ist der, den ich auf AIS sehe. Die erste Stimme sagt, sie habe in der Labradorsee einen Wal gerammt und dabei den Propeller verloren. Sie habe nur einen Rest Segel und mache weniger als zwei Knoten Fahrt. Ich schnappe mein Fernglas und gehe an Deck, um diesen Segler zu suchen. Ich kann ihn aber nirgendwo sehen. Am Funkgerät geht die Unterhaltung weiter. Der Frachter sagt, er könne möglicherweise helfen, aber er führe in die Dominikanische Republik. Nein, nein sagt die Stimme, das ist die ganz falsche Richtung, sie wolle nach Faial, aber da sei doch noch ein Segler. Ich melde mich wieder und frage, wo er denn sei. Ganz in der Nähe, antwortet die Stimme, er sehe mein Segel. Ich sage, er solle seine Position durchgeben. Zwischenzeitlich verabschiedet sich der Frachter. Ich notiere die Position, trage sie auf der elektronischen Seekarte ein und nehme ein Peilung. 120 Grad. Jetzt weiß ich wenigstens, in welcher Richtung ich suchen muß. Ich gehe an Deck, wo ich den Frachter verdammt nahe vorbeiziehen sehe. Dann suche ich mit dem Fernglas und kann tatsächlich  in der Ferne einen Mast erkennen. Ich gehe wieder ans Funkgerät und sage, ich käme vorbei. Die Stimme bedankt sich. Ich überlege einen Augenblick, was ich jetzt eigentlich machen muß. 120Grad, das heißt Südost, das heißt genau gegen den Wind. Ich muß kreuzen. Ich hänge den elektrischen Autopiloten ein, weil der auf der kurzen Entfernung genauer steuert als der Windpilot. Dann fahre ich die erste Wende. Es klappt reibungslos und ich achte darauf, den Mast des fremden Seglers nicht aus den Augen zu verlieren. Jetzt erkenne ich, daß am Topp irgendetwas flattert. Offensichtlich ein gerissenes Segel. Mit der nächsten Wende komme ich ein gutes Stück näher und kann mittlerweile den Rumpf erkennen. Aber mir wird immer klarer, daß ich keine Schlepphilfe leisten kann. Es sind noch 190sm bis Faial. Ich habe einen Diesel mit 18PS und wir müßten schräg gegen Wind und Welle fahren. Unter den Bedingungen schafft er mal gerade die 5t Gewicht meines Bootes zu bewegen. Außerdem traue ich meinem halb reparierten Wärmetauscher nicht zu, über lange Zeit in Vollgas zu funktionieren . Nach der übernächsten Wende kann ich einen direkten Kurs auf das fremde Boot anlegen. Es schwimmt aufrecht im Wasser und scheint unbeschädigt. Kuttertakelung, also zwei Vorstage. Am ersten flattert ein zerrissenes Vorsegel, am zweiten, kürzeren schlägt ein kleineres Segel, das auch irgendwie nicht in Ordnung ist. Am Knickspant und der grauen Farbe erkenne ich, daß es ein Aluminiumboot ist. 36 bis 40 Fuß Länge schätze ich. Das sind acht bis zehn Tonnen Gewicht. Keine Chance, den abzuschleppen. Am Bug sehe ich eine Gestalt, die schon Leinen in der Hand hält. Als wir in Rufweite sind, drehe ich bei und winke. You are too big, rufe ich. Die Gestalt winkt mit den Leinen. Sie trägt einen Hut und scheint in guter körperlicher Verfassung . Ich nehme mein Handfunkgerät und winke damit. Ich sehe, wie er sein Handfunkgerät aus der Tasche holt. You are too big, wiederhole ich ins Funkgerät. I can´t tug you. I pay for the Diesel antwortet die Stimme. Inzwischen ist das Boot an mir vorbeigetrieben. Ich nehme wieder Fahrt auf und drehe erneut längsseits bei. I only have 18 horsepowers, funke ich, I can´t help you. Ich kann seine Enttäuschung über die Distanz nahezu körperlich spüren. Ich frage, ob ich das Seenotrettungszentrum in Ponta Delgada informieren soll. No, antwortet die Stimme, it´s too expensive, don´t tell them. Das kann ich sogar ein bißchen verstehen, ich mußte mich ja mal in den Hafen von Palamos abschleppen lassen und hatte Glück, daß das SAR Schiff in der nächsten Bucht lag und insgesamt nur eine Stunde Einsatzzeit anfiel. Ok, sage ich, I will inform the Harbourmaster in Faial. That´s good antwortet die Stimme. Ich frage, ob er noch genügend Lebensmittel an Bord habe. Yes, yes, antwortet er. Thank you for trying. Die Gestalt verläßt den Bug. No problem, murmele ich mehr, als daß ich es laut ins Funkgerät sage. Ich winke ein letztesmal, dann lege ich Ruder, bis das Vorsegel wieder auf der richtigen Seite steht und gehe auf meinen alten Kurs. Die Sonne ist inzwischen fast untergegangen. Ich kann die Silhouette des Bootes mit seinem flatternden Segel, das mir zu winken scheint, noch lange vor dem rötlichen, leicht wolkenverhangenen Abendhimmel erkennen.

III
Nica rauscht weiter durch die Nacht und den nächsten Tag. Am Spätnachmittag sind es nur noch knapp sechzig Seemeile, ich werde Horta in den frühen Morgenstunden erreichen. Über Satellitentelefon rufe ich den Hafen und melde mich an. Man habe einen Platz für mich, höre ich. Das ist gut zu wissen, denn Horta ist zu dieser Zeit immer überfüllt. Vielleicht quetscht man mich zwischen zwei Katamarane, aber egal. In der Nacht schlafe ich nicht. Immer wieder gehe ich an Deck und schaue, ob ich schon Lichter erkennen kann. Dann bin ich wohl doch eingedöst und als ich wieder an Deck gehe, sind die Lichter der Küstenlinie deutlich zu erkennen. Es dauert noch eine gefühlte Ewigkeit, bis ich in den Kanal zwischen Pico und Faial komme. Kurz vor der Bucht von Horta nehme ich die Segel weg. Der Morgen graut schon und ich kann die Hafeneinfahrt und dort ankernde Boote gut erkennen. Ich melde mich nochmal über Funk. Eine Stimme sagt, sie werde mir den Platz anweisen. In der Einfahrt halte ich mich backbord. Am hinteren Kai sehe ich ein Licht blinken. Ich antworte mit meiner Kopflampe, die inzwischen wieder funktioniert. Im Näherkommen erkenne ich eine Gestalt, die auf ein Boot deutet, das da am Kai liegt und ungefähr die Größe von Nica hat. Ich soll also längsseits gehen, im Päckchen liegen, wie es heißt. Ich habe Fender ausgebracht, trotzdem gibt es eine leichte Erschütterung, als ich längsseits gehe. Aus dem Niedergang des anderen Bootes erscheint ein grauhaariger hagerer Mann. Er guckt erst verärgert, aber dann hilft er mir die Leinen auszubringen, räumt dafür sogar sein Ankergeschirr beiseite. Auch der Hafenangestellte hilft mit und nach einer Viertelstunde ist Nica fest. Der Hafenangestellte wünscht mir einen angenehmen Aufenthalt und geht. Mein neuer Nachbar stellt sich als David vor. Er ist Brite und ebenfalls Einhandsegler. Dann sitze ich erschöpft im Salon. Ich fühle mich komplett leer. Ich habe es geschafft, aber das muß ich erst realisieren.

Mit David gehe ich am Abend in das berühmte Peter Cafe Sport und wir erzählen uns unsere Erlebnisse. Ich erwähne auch den havarierten Segler, dem ich begegnet bin. David schüttelt den Kopf. You´ve done what you could, sagt er. Danach zähle ich die Biere nicht mehr.

Zwei Tage später sehe ich ein graues Aluminiumboot mit einem zerrissenen Segel an der gegenüberliegenden Kaimauer. You remember the sailor I told you about, sage ich zu David, der auch gerade in seinem Cockpit sitzt. He made it. Over there lies his boat. I feel kind of relief. David grinst.

Ein Bild auf der Kaimauer von Horta soll Glück bringen. Mußte ich machen.

 

 

 

 

6 Kommentare

  • Heribert says:

    Hallo Hartmut,
    was für eine Reisebeschreibung. Wahnsinn, was du da durchgestanden hast, großes Kompliment. Eigentlich ist es jetzt doch auch nur noch ein etwas größerer Katzensprung, oder? Ich wünsche dir alles Gute für die letzte Etappe, ganz lieben Gruß, Heri.

    • Hallo Heribert,
      Danke für Deine Grüße! Dieses Jahr bringe ich das Boot nicht mehr ans Festland. Es soll hier auf den Azoren über Winter bleiben, was es hoffentlich gut überstehen wird. Nächstes Jahr dann.
      Bis denne,
      Hachtmut

  • Anko Ahlert says:

    Hallo Hartmut,
    das heißt ja dann: Vorläufiges Ende Deiner großen Segeltour.
    Nica hat sich auf jeden Fall eine Ruhepause verdient. Und du??????
    Wie lange bleibst Du noch auf den Azoren und wann kommst du dann zurück? Du hast viel erlebt und eine große Leistung vollbracht. Dafür Hut ab und Gratulation noch einmal von mir. Ich wünsche Dir jedenfalls noch ein paar angenehme Tage auf den Azoren und gib Bescheid, wenn du wieder im Lande bist.
    liebe Grüße aus Leipzig und ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Dir. 🙂
    von der Landratte Anko.

  • Anko Ahlert says:

    Lieber Hartmut,
    alter Seebär 🙂 ,
    da sehen wir uns ja schon bald. Es warten gut gekühlte Bierchen im Kühlschrank. Mal sehen, ob Dir Deutschland überhaupt noch gefällt und Du viel lieber wieder zurück auf Dein Boot möchtest. Aber ich glaube, dass Du auch eine Pause brauchst. War dann auch ganz schön viel in der letzten Zeit. Auf jeden Fall freue ich mich, wenn Du wieder da bist und dann gibt es sicherlich viel zu erzählen.
    Bis dahin…….gute Rückreise und besorge Nica einen guten Liegeplatz, denn Du willst ja nächstes Jahr wieder los.
    Liebe Grüße von Anko aus dem hochsommerlichen Leipzig.

  • Thorsten says:

    Hallo Hartmut,
    was für eine Fahrt! Aber es liest sich wirklich klasse – hier im schönen, sicheren Trockenen. Genieße jetzt erstmal die Zeit an Land und erhole dich ein bisschen!
    Viele Grüße
    Thorsten

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