Mühsam nordwärts

von Hartmut Neuber am 03.06.2019 / in Allgemein

Es geht gleich richtig zur Sache. Um von Marina Bas du Fort nach Norden zu segeln, muß erst Grande Terre, der östliche Teil von Guadeloupe umrundet werden. Da werde ich Gegenwind haben. Bis ich ausklariert, abgelegt und getankt habe, ist fast der gesamte Vormittag vergangen und erst kurz vor zwölf verlasse ich die Marina. Draußen empfängt mich der Passatwind und ich muß aufkreuzen Richtung Osten. Wind 15 bis 20kn, das ist angenehm wenn man ihn von hinten oder der Seite hat. Von vorn ist das eine andere Sache. Nica legt sich gleich ordentlich auf die Backe, immer wieder spritzt Gischt bis ins Cockpit. Die Welle beträgt an die drei Meter. Im Salon tropft es an zwei Stellen, die Steuerbordkoje ist bald feucht, alle Versuche abzudichten haben offensichtlich nichts gefruchtet. In mehreren langen Kreuzschlägen arbeite ich mich an der Insel vorbei und erst gegen 22h30 kann ich einen Nordkurs ansetzen. An Schlaf ist erstmal nicht zu denken, hier in Landnähe kann noch viel Verkehr sein. Außerdem halten wir auf eine Untiefe zu, über der die Wellen möglicherweise noch höher sind. Leider luvt der Windpilot immer wieder an und ich muß selber steuern, um gut an der Untiefe vorbei zu kommen. Ich habe mir bislang nur ein paar Scheiben Käse aus dem Kühlschrank in den Mund gestopft und kämpfe jetzt gegen Übelkeit. Nach den vier gemütlichen Wochen in der Marina muß ich mich erst wieder an das Bootsleben bei Seegang gewöhnen.

In der zweiten Nachthälfte finde ich ein wenig  Schlaf. Glücklicherweise ist meine Schlafkoje auf der Leeseite und die ist trocken geblieben. Wir haben 25 bis 30 Grad Schräglage, in der das Boot zusätzlich nach allen Seiten schwankt. Hin und wieder gibt es Stöße, wenn Nica trotz ihres Löffelbugs hart in die Welle einsetzt. Ich habe Orangen, Limetten und kleine Bananen in einem Netz im Salon aufgehängt. Es schwankt in großen Bogen bis zur Decke. Leider ist es recht grobmaschig und die Limetten und kleinen Bananen springen heraus und kullern durch den Salon. Einmal auf eine Banane getreten ist diese natürlich sofort Matsch. Der muß aber gleich aufgewischt  werden, da man sonst eine glitschige Stelle hat, prima zum ausrutschen. Die Limetten sind robuster, aber umso schwerer einzufangen. Im Bad fließt wegen der Schräglage das Zahnputzwasser nicht ab.
Ich kämpfe immer noch gegen leichte Übelkeit und habe mir bislang noch keinen Kaffee gekocht und auch auf das abendliche Bier verzichtet.
Am nächsten Tag sehe ich wie ins Vorschiff ein Rinnsal Wasser läuft, als wieder mal eine Welle überkommt. Dann entdecke ich mit Entsetzen, daß die Vorschiffluke nicht dicht ist. Ich Idiot habe sie zwar geschlossen, aber vergessen zu verriegeln! Meine Befürchtung, daß auch ins Bugschapp, wo meine Klamotten lagern, Wasser gedrungen ist, bewahrheitet sich voll. Ich greife in feuchte Hemden, Hosen und Socken. Prima, der dritte Tag auf See und ich habe keine trockenen Sachen mehr. Ich spanne im Salon eine Art Wäscheleine und hänge ein paar t Shirts auf mit dem Ergebnis, daß das ganze Schiff feucht und klamm wird. Bei überkommenden Wellen läuft auch immer wieder Wasser durch  den Niedergang in den Salon, weil es mir zu umständlich ist, dauernd das Schott zu öffnen und zu schließen, wenn ich ins Cockpit will. Einmal habe ich gerade wieder aufgewischt, als ich höre, wie Nica krachend in eine Welle setzt. Es dauert zwei Sekunden, dann rauscht es über mir und ein Schwall Wasser ergießt sich über mich. Jetzt ist mein letztes Hemd nass, dafür hat der Boden weniger abgekriegt.

Am Spätabend eine Schiffsbegegnung. Laut AIS wird ein Frachter ziemlich nahe vorbeiziehen. Zur Sicherheit setze ich mich an die Pinne und falle ein wenig ab. Ich sehe ein grünes Licht und zwei weiße vor mir vorbeiziehen. Plötzlich sind sie verschwunden und ich sehe nur noch ein einzelnes weißes Licht, das aber immer wieder in den Wellen verschwindet. Ich habe den Eindruck, es kommt näher. Was ist das ? Ein Boot mit Suchscheinwerfer, das auf mich zukommt? Mir wird mulmig, ich umklammere die Pinne und spähe weiter in die Dunkelheit. Es dauert etwa eine Viertelstunde, bis ich merke, daß ich mich getäuscht habe, es entfernt sich. Offenbar hat der Dampfer vor mir den Kurs geändert und ich sehe nur noch sein Hecklicht.

Am Vormittag kämpfe ich wieder eine halbe Stunde mit dem Windpiloten, um ihn auf einen Halbwindkurs einzustellen. Wir gewinnen zwar gut Höhe Richtung Ost, aber ich habe genug von der Schräglage und will es endlich etwas ruhiger haben. Aber der Windpilot will nicht. Ich setze gerade zu wüsten Beschimpfungen an, als ich entdecke, daß einer der beiden neuen Seilzüge, die ich vor der Fahrt eingesetzt habe, beschädigt ist. Die Ummantelung hat sich gelöst und das Seil ist kurz davor zu reißen. Ein Wunder, daß der arme Windpilot überhaupt halbwegs den Kurs halten konnte. Ich drehe bei, löse den defekten Seilzug und ersetze ihn durch den alten, der zwar an einigen Stellen abgewetzt ist, aber durchaus noch einsatzfähig. Keine einfache Sache, da ich dafür halb aus dem Boot klettern muß, aber ich habe mich zur Sicherheit zweifach eingepickt und alles geht gut.

Inzwischen habe ich mich an den Seegang gewöhnt und koche mir zum erstenmal Kaffee. Zwar geht die Hälfte verschüttet bei der Schaukelei, aber das warme Getränk kommt sehr gut. Die Mahlzeiten bestanden bislang aus morgens Müsli, mittags eine Nudelsuppe, die nur mit heißem Wasser aufzugießen ist und abends einer Dose Ravioli oder ähnliches. Irgendwas, das halt schnell in den Topf gehauen und erwärmt werden kann. Etwas anderes zu kochen und etwa Reis oder Nudelwasser abzugießen, ist mir bei der Schräglage einfach zu gefährlich. Es gehen nur Aktionen, die mit einer Hand durchzuführen sind, mit der anderen muß man sich festhalten.
Am Morgen das fünften Seetages läßt der Wind endlich etwas nach und dreht leicht nach Südost. Die Welle läßt ebenfalls nach und wir können einen Raumschotskurs fahren. Von einem blauen Himmel scheint die Sonne. Ich sitze im Cockpit, das nun fast wieder waagerecht ist und sonne mich. Dann hole ich beide Matratzen aus dem Salon und stelle sie im Cockpit zum Trocknen auf.

Dry again

Die feuchten Sachen aus der Salonwäscheleine kommen an die Reling und peu a peu wird alles wieder trocken. Beim Aufräumen der Vorschiffskoje entdecke ich, daß das Buch „Bootsmanöver“ komplett durchnäßt ist, die Seiten kleben aneinander. Ich beschließe, das nächste Hafenmanöver ohne Nachschlagewerk zu meistern und opfere es dem Ozean.

Das entspannte Segeln dauert zwei Tage, dann wird der Wind schwächer, bis nur noch ein laues Lüftchen weht und die Segel schlagen. Wir haben die Roßbreiten erreicht. Jetzt kommt der Diesel zum Einsatz. Er springt gut an und mit viereinhalb Knoten tuckern wir dahin.
Gegen Abend stellt sich die Frage, wie ich durch die Nacht kommen will. Der Motor ist ziemlich laut und es besteht die Gefahr, daß ich das AIS Signal überhöre, wenn ich mich schlafen lege. Unter Motor bin ich aber möglicherweise ausweichpflichtig.
Ich beschließe, abwechselnd eine Stunde zu motoren und eine Stunde mich treiben zu lassen und zu schlafen. As die Sonne untergeht, mache ich den Motor aus. Das Boot dümpelt und man hört nur leises Glucksen und das Klappern der Falle im Mast.

Sound of Silence

Diese Stille ist anders, als die Ruhe , wenn mal keiner was sagt. Außer meinem Boot ist eben nichts da, was ein Geräusch erzeugen könnte. Es ist eine tiefe, profunde Stille. Ich sitze und lausche ins Nichts. Auch als ich eine Stunde später den Motor anmache, wirkt er nicht so laut wie sonst. Wir gleiten dahin, über mir ein unendliches Sternenmeer. Dann spüre ich etwas Wind. Ich gehe in den Leerlauf und der Windmesser zeigt sieben bis acht Knoten. Das könnte reichen. Ich rolle die Genua aus, schalte den Motor ab und wir machen zwei Knoten Fahrt. Ich sauge noch einmal den Sternenhimmel in mich auf und lege mich schlafen.

Am Morgen starte ich dann wieder den Motor, wir müssen schließlich voran kommen. Gegen Mittag mache ich einen Badestop, der aber Folgen haben soll.  Es ist alles vorbereitet, ich habe die Badeleiter abgelassen, zusätzlich eine Leine mit Fender ausgelegt, leine mich an, in der Hand die Kamera, um spektakuläre Unterwasserfotos zu machen. Ich will gerade die Badeleiter hinuntersteigen, als eine kleine Welle das Boot schaukeln läßt, ich verliere kurz das Gleichgewicht, greife nach der Reling und verliere dabei die Kamera. Sch…! Sie fällt ins Wasser und treibt einen Augenblick an der Oberfläche. Kurz hoffe ich, daß sie Auftrieb hat, aber dann dreht sie sich um und versinkt in den Tiefen des Atlantiks.  Schade um die schöne Kamera! Traurig steige ich ins Wasser, um mich wenigstens ein bißchen zu waschen. Es ist spürbar kälter als in der Karibik. Man fährt eben nicht ungestraft hunderte von Seemeilen in den Norden.

Ich bin jeden zweiten Tag über Satellitentelefon in Kontakt mit Katja und meinem Bruder, von denen ich Wetterdaten bekomme, die ich mit denen vergleiche, die ich herunterladen kann. Alle sind ungünstig, es wird Wind aus Nord kommen, also genau mir entgegen. Das bedeutet, mehrere Kreuzschläge. Noch herrscht Flaute und ich versuche die Püttinge, an denen Wasser durchkommt, nochmals mit Dichtmasse zu verschließen, es stehen ja wieder Am Wind Kurse an.
In der Nacht beobachte ich Wetterleuchten in Nordost. Bißchen unheimlich. Aber das Barometer fällt nicht, also beschließe ich, mir keine Sorgen zu machen.
Am nächsten Nachmittag aber künden sich verdichtende Cirruswolken mit Stratuswolken, daß es vorbei ist mit dem schönen Wetter. Nur eine Stunde später verdunkelt sich der Himmel und eine Regenfront zieht auf. Das Groß ist vorsichtshalber schon im zweiten Reff, und mit den ersten Böen legt sich Nica wieder ordentlich auf die Seite. Gurgelnd zischt das Wasser an der Leeseite vorbei. 27kn auf der Windanzeige. Ich überlege schon, ob ich das Groß wegnehmen soll, da ist die Front durchgezogen und der Wind fast weg. Jetzt überlege ich, ob ich ausreffen soll, aber am Horizont ziehen sich schon wieder dunkle Wolken zusammen, die nächste Front naht. Sie bringt allerdings nur wenig über zwanzig Knoten Wind. Danach scheint alles überstanden, Sonnenstrahlen am Horizont. Ich klettere hinunter um einen Kaffee zu kochen. Die Steuerbordkoje ist wieder feucht, das ganze Dichtungszeug hat nichts genutzt oder sitzt an der falschen Stelle, was weiß ich. Als ich eine Viertelstunde später mit der Kaffeetasse an Deck komme, hat sich der Himmel schon wieder zugezogen. Zu früh gefreut, abermals naht eine Regenfront. Ich stürze den Kaffee hinunter, da ist sie auch schon über uns, diesmal mit Starkregen. Im Nu ist die Sicht weg, nur noch hundert Meter schätzungsweise. Der Regen prasselt und ich muß feststellen, daß mein Ölzeug ihm nicht standhält. Als er endlich nachläßt und ich tropfend in den Salon klettere ist die Steuerbordkoje klitschnaß.

In den folgenden Tagen arbeite ich mich in zwei großen Kreuzschlägen weiter nach Norden. Es ist mühsamer als gedacht und teilweise fahre ich weg von meinem Ziel Azoren, was die Stimmung nicht hebt. Da wir dabei auch auf Steuerbordbug segeln, muß ich in der feuchten Steuerbordkoje übernachten. Auf der gegenüberliegenden Koje rolle ich ständig ins Leesegel, das ich zum Schutz gegen das Herausfallen angebracht habe, aber das ist keine bequeme Position. Also ziehe ich meinen Long John an, lege ein Handtuch unter das Kopfkissen und schlafe im Feuchten.
Am nächsten Morgen sitze ich im Cockpit und löffele mein Müsli, als etwa zwei Meter entfernt die weiße Stange einer Boje an mir vorbeizieht. Ich bin so verdutzt, daß ich beinahe das Müsli verschütte. Mitten im Ozean eine Boje und ich fahre keine zwei Meter daran vorbei! Glücklicherweise nur eine Markierungsboje. Vielleicht liegt hier das Wrack von U91 oder sowas.
Seit einigen Tagen verfolgt mich eine Möwe, zumindest glaube ich, daß es dieselbe ist. Immer wieder umkreist sie das Boot, den Mast, nähert sich der Reling, dreht aber im letzten Moment wieder ab und landet im Wasser, wo sie den Kopf schüttelt und dem Boot hinterherschaut. Dann fliegt sie wieder auf und nähert sich erneut. Ich lade sie ein, gerne ein Stück mitzufahren, stelle aber zwei Bedingungen, nicht kacken und nicht die Positionslichter verstellen. Aber sie traut sich dann doch nicht, dreht  schließlich ab und fliegt davon.
Ansonsten schwächelt der Wind vor sich hin, manchmal reicht es zum Segeln manchmal nicht, dann muß wieder motort werden und insgesamt kommen wir nur schleppend voran. Aus Langeweile suche ich im Radio nach Sendern und finde einen spanischsprachigen Sender, ich vermute Kuba, auf dem ein sehr schönes melancholisches Lied für Männer und Frauenstimme zu Gitarrenbegleitung gespielt wird. Dann meldet sich eine Moderatorenstimme und hört leider nicht mehr auf zu reden. Ich suche weiter und finde einen amerikanischen Sender und hier ist es noch schlimmer, weil ich einiges verstehe. CNC Talk Radio und eine Frauenstimme erzählt etwas von der Wichtigkeit von motherhood und fatherhood and they want to bring America home again. Meine Güte, was sie mit dem armen Amerika alles again machen wollen. Ich schalte ab und schaue wieder hinaus aufs Meer.

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