Kein Entkommen

von Hartmut Neuber am 03.06.2019 / in Allgemein

Endlich erreiche ich meinen Wegpunkt etwa 270sm südöstlich von Bermudas und kann einen östlichen Kurs anlegen und damit mein Ziel, die Azoren ansteuern. Das hebt die Stimmung
Eine mail von meinem Bruder aber warnt mich vor Starkwind aus SSW. Ich ziehe selber Wetterdaten, was aber immer schwieriger wird, weil die App dauernd stehen bleibt und  etliche Fehlversuche verursacht. Tatsächlich kommt da ein schmales Band Starkwind heran. Ich lege einen ONO Kurs an und hoffe, daß es hinter mir vorbeizieht. Der Starkwind kommt allerdings schon am Spätnachmittag. Ich will gerade etwas Reis zubereiten, als ich merke, wie der Wind zunimmt. Es sind schon mehr als zwanzig Knoten und ich beschließe, den Spibaum abzubauen. Ich warte noch, bis der Reis gar ist und kippe schnell eine Fertigsauce darüber. Dann leine ich mich an. Kurz bevor ich aus dem Cockpit will, legen zwei Wellen das Boot richtig schräg. Wellen neigen dazu periodisch aufzutreten, d.h. die beiden sind jetzt durch, es kann ein bißchen dauern bis wieder zwei solche kommen, also los. Ausnahmsweise gelingt es mir, den Spibaum ohne Komplikationen abzubauen, keine Leine vergessen zu lösen, keine verheddert sich und nach einer Viertelstunde bin ich wieder unten im Salon. Der Reis ist trotzdem nur noch lauwarm und mein Abendessen nicht der kulinarische Höhepunkt der Reise.
Die Nacht ist noch ziemlich gemütlich, die Höhe der Wellen ist schwer auszumachen, aber die Windanzeige bewegt sich zwischen 20 und 25 kn, das geht noch. Als ich bei Tagesanbruch aus dem Cockpit schaue türmen sich allerdings schon ziemliche Wellenberge um uns herum und die Windanzeige zeigt 33kn.

Stark, Wind!

Überall weiße Schaumkronen, vereinzelt brechen sich die Wellen und es setzt starker Regen ein. Alles grau in grau, Sicht nur wenige hundert Meter. Im Salon ist alles feucht, auf dem Boden schwappt Wasser. Ich versuche erneut, Wetterdaten zu ziehen, aber heute morgen ist die App besonders widerspenstig und es dauert fast eine Viertelstunde bis ich endlich etwas heruntergeladen habe. Ich befinde mich genau zwischen einem Hoch und einem Tief, die an ihren Randbereichen wie Zahnräder ineinander greifen und ihre Wirkung verdoppeln. Wenn mir nicht ein so mulmig wäre, wäre es fast lustig. Angeleint und im vollen Ölzeug sitze ich dann im Cockpit, beobachte die Wellen . Wenn die Kämme sich brechen, entsteht erst weißer Schaum und dahinter eine kurze Fläche klaren grünlichen Wassers. Man hört es gurgeln. Dann rauscht die Welle vorbei und zeigt einen glatten Rücken mit weißen Fetzen. Noch sind die Wellen aber nicht so steil, daß man sie aussteuern müßte und der Windpilot hält Nica gut im Kurs.
Gegen 11h läßt der Wind nach. Wegen der immer noch starken Welle beginnt die Genua zu schlagen und ich muß sie ausbaumen. Auf dem Vordeck werde ich hin und her geschleudert und es wird immer schwieriger, Schäkel zu öffnen und Leinen einzuhängen. Dieses Wechselspiel von Segeln und Motoren dauert die nächsten Tage an. Himmel und Meer sind bleigrau. Das dauernde Hin und her und das trübe Wetter zehrt an den Kräften. Eines nachts mache ich einfach den Wecker wieder aus, stehe nicht auf , schaue nicht nach Kurs und Geschwindigkeit und ob die Segel richtig stehen, sondern drehe mich auf die andere Seite. Ich bin einfach zu müde. Am nächsten Morgen fühle ich mich schlapp und habe Mühe, mich zu konzentrieren.  Die Disziplinlosigkeit der Nacht bezahle ich mit vier Fehlversuchen, den Spibaum aufzubauen: 1) falsche Schot eingehängt 2) den Foreguy (das Seil, das Baum nach unten und zum Bug fixiert) falsch um die Schot geführt, der Knoten geht auf und das Seil landet im Wasser. 3) Foreguy richtig eingehängt, aber vergessen, ihn wieder durch den Block am Bug zu führen 4) Segel steht.  Jedesmal muß der Baum wieder aufs Deck abgelassen werden und im Anschluß wieder hochgezogen. Jedesmal schleudert mich die Welle auf dem Vordeck von einer Seite auf die andere. Am Ende arbeite ich im Liegen, damit ich nur noch rutsche und nicht stürze. Zwischendrin weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll und möchte am liebsten alles bleiben lassen. Aber es hilft ja nichts, es muß gemacht werden, wenn ich keine Probleme kriegen will.

Nach drei Tagen endlich Risse in der Wolkendecke und vereinzelte Sonnenstrahlen. Ich sitze endlich mal wieder ohne Ölzeug im Cockpit und nehme gierig die Wärme auf.
Nachts ist es allerdings so kalt, daß ich den Mond und Sternenhimmel kaum bewundern kann. Ich friere entsetzlich, murmele nur, sehr schön, sehr schön, und klettere wieder in die Koje.
Um fünf Uhr morgens ist die Welle stärker geworden und das Boot schwankt stark. Ich will einen Raumschotskurs fahren, baue dafür den Spibaum aus und setze das Groß. Aber der Windpilot macht nicht mit. Fast zwei Stunden kämpfe ich mit ihm. Entweder er luvt an oder fährt beinahe eine Patenthalse. Irgendwann schreie ich vor Wut und Frustration. Ich muß das Groß wieder bergen und die Genua ausbaumen. Dann entdecke ich, daß das Pendelruder vom Windpiloten nach hinten weggeklappt ist, er also kaum Kraft entwickelt. Na dann ist es ja kein Wunder, warum hat er denn nichts gesagt! Ich nehme die Fahrt aus dem Schiff, damit ich das Pendelruder hochziehen kann und justiere es neu. Ich belasse es aber bei der jetzigen Segelkonstellation. Danach ziehe ich neue Wetterdaten und erstarre. In drei Tagen zieht im gesamten Gebiet ein riesiges Starkwindfeld auf. Um ihm zu entkommen, müßte ich ca 300sm nach SSO ablaufen, wo ich dann in eine Flautenregion käme. Wenn ich nicht einen riesigen Umweg und eine Woche längere Fahrtzeit in Kauf nehmen will, kann ich dem Starkwind nicht entkommen. Ich setze mich ins Cockpit und überlege. In drei Tagen kann sich noch einiges an der Vorhersage ändern. Ich könnte weiterfahren, einen halben Tag warten und am Nachmittag erneut Daten ziehen. Allerdings könnte dieser halbe Tag genau die Zeit sein, die dann fehlt, um auszuweichen. Also beschließe ich, Südost zu fahren, das ist wenigstens noch ein bißchen Richtung Azoren, und die weitere Entwicklung abzuwarten. Von zuhause kommen mails, die die Vorhersage bestätigen und mich vor dem Starkwind warnen. Er verschiebt sich allerdings etwas nach Norden und mit ein bißchen Glück bekomme ich nur den südlichen Rand ab. Das was ich zur Zeit habe, ist aber auch nicht schlecht, Wind weit über zwanzig Knoten und eine Welle von sicher drei Metern. Ich ändere den Kurs wieder nach Ost, weil mir die Welle von der Seite zu stark wird. Eigentlich müßte ich noch ein Grad weiter südlich, aber abwarten.
Die Wetterdaten am nächsten Morgen bestätigen dann, ich werde den Wind abbekommen, ich bin nicht südlich genug. Er wird zunächst nachlassen und mich dann in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erwischen. In Böen 32kn, Welle 3,5 m. Klingt gar nicht so wild. Als wir durch die Straße von Gibraltar gefahren sind, hatten wir die ganze Zeit über 30kn und dreieinhalb Meter Welle hatte ich auch schon oft. Zudem wird mich der Wind schön nach Nordost versetzen, Richtung Azoren. Ich vergesse mir klarzumachen, daß die Wellenhöhenangabe nur Mittelwerte sind und man mit doppelt so hohen Wellen rechnen muß.
Am Nachmittag setze ich das Großsegel und wir machen bei einem schönen Halbwindkurs auch die ganze Nacht durch gut Strecke nach Osten. Am nächsten Vormittag ist dann der Wind weg. Die Ruhe vor dem Sturm. Obwohl es Mittags normalerweise nur die Nudelsuppe gibt, koche ich mir diesmal etwas, wer weiß, ob das am Abend noch geht. Dann berge ich die Genua und ziehe die kleine Sturmfock auf. Eine ziemlich aufwändige Aktion, aber das Meer ist ruhig und von einem blauen Himmel strahlt die Sonne. Zusätzlich sichere ich sie noch mit dem Spibaum. Als alles fertig ist, entdecke ich, daß das Fall sich zweimal ums Vorstag gewickelt hat. Ich probiere, ob das Segel sich einrollen läßt und siehe da, nach zwei Umdrehungen ist Schluß, das Fall blockiert. Nun gut, denke ich mir, die Sturmfock ist so klein, die werde ich nicht reffen und wenn ich sie runternehme, ist ja alles vorbei. Leider falsch gedacht, wie sich später herausstellen soll.
Gegen Abend bezieht sich der Himmel, Wind kommt auf, die Welle wird stärker. Es geht los. Ich verzichte auf meine abendliche Dose Bier, opfere stattdessen Neptun einen Schluck Rum, bitte ihn, es nicht allzu wild zu treiben und wünsche uns viel Spaß. Dann verziehe ich mich unter Deck, denn Regen setzt ein.
Am Navitisch notiere ich mir vorsichtshalber noch die Nummer vom MRCC Ponta Delgada als der nächstgelegenen Rettungsstelle, um gegebenenfalls einen gezielten Notruf über Satellitentelefon absetzen zu können. Dann heißt es warten. Wind und Welle sind spürbar stärker geworden, immer wieder strecke ich den Kopf durch die Luke vom Niedergang um die Windanzeige abzulesen und die Wellen zu beobachten. 36kn lese ich ab. Das ist doch stärker als erwartet. Die Wellenberge neben mir kann ich nur erahnen in der Dunkelheit. Ich muß dem Windpiloten vertrauen, selber steuern hätte bei der Dunkelheit wenig Sinn und das ganze soll ja mindestens zwölf Stunden dauern. Ich ziehe aber schon unter Deck Ölzeug und Rettungsweste an, um keine Zeit zu verlieren, falls ich doch schnell nach oben muß. In mir spüre ich ein mulmiges Gefühl und gleichzeitig eine merkwürdige Gelassenheit. Was passieren wird, wird passieren und helfen kann mir hier sowieso keiner. Als ich das nächste mal nach der Windanzeige schaue sind es schon 42kn. Das ist Windstärke acht, Sturmstärke. Das war nun wirklich nicht angekündigt. Ich setze mich wieder auf die Koje im Salon. Hoffentlich hält das Material, hoffentlich hält das Material. Und dann höre ich dieses Geräusch wummwummwummwummwumm. Gleichzeitig vibriert das ganze Schiff. Das klingt nicht gut. Ich muß hoch und nachsehen, was das ist. Ich klettere aus der Niedergangsluke, der Regen schlägt mir ins Gesicht, picke mich ein und verschließe sie wieder. Dann schalte ich meine Kopflampe ein und richte den Strahl nach vorne. Bei dem, was ich sehe, verstehe ich, was der Ausdruck, das Blut in den Adern gefriert, bedeutet. Das kleine weiße Dreieck der Sturmfock bewegt sich wie wild hin und her und reißt das Vorstag dabei mit. Das geht nicht lange gut. Und wenn das Vorstag bricht, ist der Mast akut gefährdet. Ich muß das Segel bergen. Denn Einrollen geht ja nicht. Und   den Spibaum  abbauen. Ich muß bei dem Wind und der Welle in der Dunkelheit aufs Vordeck. Ich sinke auf die Cockpitbank. Vielleicht hält es ja doch. Dann ertönt wieder dieses wummwummwummwummwumm. Hier draußen ist es fast ein Knattern. Ich darf keine Zeit mehr verlieren. Ich löse die Schoten und rolle das Segel wenigstens die zwei Umdrehungen ein. Dann mache ich mich auf den Weg nach vorne. Ich krieche auf allen vieren. Die Schoten schlagen wie Peitschen und ich bekomme etliche Schläge auf den Rücken. Als ich den Mast erreiche, bekomme ich einen Schlag auf den Kopf und die Lampe geht aus. Ich versuche sie wieder einzuschalten, aber sie funktioniert nicht mehr. Ruhig bleiben. Ich weiß die Handgriffe. Als erstes löse ich den Topnant, um den Spibaum abzulassen. Kaum habe ich ihn gelöst tanzt der Baum wie wild hin und her und die schlagenden Schoten verhindern, daß er aufs Deck sinkt. So geht es nicht. Ich muß ihn gleich vom Mast lösen. Ich warte eine Welle ab, ziehe dann an dem Stift, der Baum löst sich vom Mast und wie durch ein Wunder kann ich ihn festhalten und rutsche mit ihm zu Boden. Damit sind auch erstmal die Schoten gebändigt. Mittlerweile haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt, zudem haben wir Vollmond, der auch durch die geschlossene Wolkendecke etwas Licht verbreitet. Nacheinander löse ich Topnant, Schot und Foreguy vom Spibaum. Dann muß ich ihn erstmal liegen lassen, befestigt wird er auf der anderen Seite, das schaffe ich jeztzt nicht.  Erstmal muß die Sturmfock runter. Ich krabbele wieder zurück ins Cockpit, um das Fall lösen. Die vom Spibaum befreite Schot prügelt mich wieder nach Leibeskräften. Ich löse das Fall, rolle das Segel wieder die zwei Umdrehungen zurück und arbeite mich gegen das Trommelfeuer der Schot zum Bug. Dort greife ich in das flatternde Segel und versuche es herunter zu ziehen. Es gelingt. Ich stopfe es irgendwie an die Reling und halte es mit den Beinen fest. Das Vorstag ist gerettet. Ich halte inne und merke erst jetzt, daß ich komplett durchnäßt bin. Mit dem Foreguy befestige ich das Segel notdürftig am Bugkorb und kümmere mich dann um den Spibaum, der gottseidank an seinem Platz nur ein wenig hin und her gerollt ist und keinen Schaden angerichtet hat. Kriechend, halb schiebend, halb ziehend bringe ich ihn auf die andere Seite, wo ich ihn befestigen kann. Dann arbeite ich mich zurück ins Cockpit. Geschafft. Der Windmesser zeigt wieder über 40kn. Das heißt aber , daß wir auch ohne Segel Fahrt machen werden und der Windpilot weiter steuern kann. Vor Top und Takel ablaufen lautet der Fachbegriff. Ich gehe wieder unter Deck und beobachte Kurs und Geschwindigkeit auf dem Plotter am Navitisch. Wir segeln nur noch mit der Sprayhood und machen sieben Knoten Fahrt. Nicht schlecht. Erschöpft sinke ich auf die feuchte Salonkoje. Ich bleibe im Ölzeug, leine mich sogar hier an, damit ich, wenn ich eindöse, nicht durchs Schiff geschleudert werde. So geht es durch die Nacht.

6 Kommentare

  • Dieter Nake says:

    Lieber Hartmut,
    besten Dank für deine Berichte, die uns in ein Wechselbad der Gefühle versetzt haben. Vor allem aber haben wir den größten Respekt vor deiner Leistung.
    Wie sieht denn nun deine weitere Planung aus?
    Liebe Grüße senden dir
    Gisela und Dieter

  • Anko Ahlert says:

    Hallo Hartmut,
    Jetzt hat man erst mal den Eindruck bekommen, was es heißt, so lange auf dem Atlantik unterwegs zu sein und man völlig der Natur und seinen Launen ausgesetzt war. Aber wie du so schön beschrieben hast, gibt man sich der Begebenheit hin und akzeptiert alles was da kommen möge. Erst schleicht sich die Angst ein und dann funktioniert man plötzlich und sagt: „Was soll`s……“. Was passieren möge passiert.
    Lieben Dank für deinen spannenden Bericht.
    Ich hoffe, das Du Dich ein wenig erholen konntest und das Du Dein wohl verdientes Bier in dieser speziellen Kultkneipe trinken konntest. 🙂
    Ich wünsche Dir eine schöne Zeit auf den Azoren und ein Hoch auf Dich und Deine Nica. Liebe Grüße aus Leipzig von Anko
    PS: Heute wird es 35 Grad heiß……karibischer Sommer. 🙂

  • Gottschalk says:

    Moin Hartmut,
    schön dein AIS Signal wieder zu empfangen. Versuche mal richtig zu schlafen und Kräfte zu tanken. Großen Respekt vor der sportlichen Leistung , aber ein schöner Tagestörn scheint eine gute Alternative zu sein.
    Noch ein langes Ding und du bist in Europa
    Viele Grüße und handbreit
    Thomas

  • Klaus-Michael Nix says:

    Lieber Hartmut,

    Respekt! Respekt! Großes Kopfkino, was du da entfachst, wenn man deinen Bericht liest;
    da fiebert man mit dir. Ich sehe dank deines AIS-Signals, dass du gerade nun mit Motor Ponta Delgada ansteuerst und wünsche dir für den letzten großen Schlag die Gunst der Meeresgötter und ein glückliches Erreichen deines Heimathafens.

    Herzlich grüßt
    Michael

    • Hallo Michael,
      dieses Jahr fahre ich nicht mehr weit, das Boot soll hier auf den Azoren bleiben, auf der südlichesten Insel Santa Maria, wo ein geschützter Hafen sein soll. Muss das aber noch organisieren.
      Liebe Grüße und bis bald,
      Hartmut

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