Guadeloupe

von Hartmut Neuber / am 25.04.2019 / in Allgemein

Karibische Möwen haben anscheinend Grundkenntnisse in Elektrik  und  einen Hang zur Boshaftigkeit. Anders kann ich es mir nicht erklären, wie meine Dreifarbenlampe im Masttop plötzlich um eine Vierteldrehung verstellt worden ist. Dadurch leuchtet das Steuerbordlicht Richtung Bug, das Backbordlicht Richtung Heck und das Hecklicht nach Steuerbord. Ein Kurs, den ich unmöglich fahren kann. Andere Schiffe hingegen würden irritiert und zu  möglicherweise fatalen Kursänderungen veranlaßt. Kann also nicht so bleiben und bedeutet in den Mast aufzuentern. Unangenehme Vorstellung, denn ich erinnere mich noch gut an den abgebrochenen Versuch auf den Kapverden.  Kurz vor meiner Abfahrt aus der Admiralty Bay in Becquia hatte ich diese merkwürdige Veränderung im Mast entdeckt, als ich die Lichter vor der Abfahrt kontrollierte. Mir war aufgefallen, wie Möwen die Mastspitzen anderer Boote kunstvoll anflogen, dort mit leichten Schwierigkeiten landeten und dann triumphierend in die Runde schauten. Manchmal stritten sich auch zwei um einen anscheinend sehr beliebten Mast. Ich hätte erwartet, daß die fragilen Windanzeiger Schaden nehmen, aber nie, daß die Positionslichter verstellt werden. Echt fies. Glücklicherweise verfüge ich noch über ein zweites System mit einer Zweifarbenlaterne im Bug und einem weißen Licht am Heck.  Dieses System hat aber den Nachteil, daß es mehr Energie verbraucht und daß das Hecklicht zwar nach hinten strahlt, man im Cockpit aber trotzdem etwas geblendet ist, wenn  man nachts den Horizont nach Lichtern absuchen will.  Für die Strecke nach Martinique und anschließend nach Guadeloupe aber sollte es  gehen. Die Marina in Guadeloupe, in der ich mittlerweile angekommen bin, gilt als hurrikansicher, infolgedessen hat es fast gar keinen Schwell, das Boot liegt sehr ruhig und an einem windstillen Vormittag habe ich endgültig keine Ausreden mehr, die notwendige Korrektur im Mast weiter hinauszuzögern. Ich spanne das Großfall zur Seite ab, befestige das Einhandklettersystem und hangele mich nach oben.

echt was zum verheddern

Es geht langsam und ist mühsam, weil man immer nur maximal 40cm weiterkommt. Aber die Aussicht wird immer besser und oberhalb der Saling kann ich die beiden Hälften von Guadeluope erkennen. Auf der Seekarte betrachtet sieht die Insel aus wie die zwei Flügel eines Schmetterlings. Der westliche Teil, Basse Terre, ist entgegen seines Namens sehr bergig, überzogen mit Regenwäldern, in deren Schluchten gigantische Wasserfälle rauschen.

linker Flügel

Der östliche Teil, Grande Terre, ist eher flach mit weiten Bananenplantagen und steilen Küsten.

rechter Flügel

Ich hatte mir für eine Woche ein Auto gemietet und war über beide Teile der Insel gedüst. Obwohl das etwas übertrieben ist, denn der runtergerockte kleine Chevrolet Aveo, den man mir in der Marina vermietete, schaffte auf der Nationalstraße kaum die hundert. Als ich auf einer Nebenstraße einmal wenden wollte, hielt ich zudem plötzlich den Griff des Schalthebels in der Hand, samt Abdeckung. Es war ein bißchen stressig, alles wieder zusammenzustopfen und manövrierfähig zu werden, da ich innerhalb einer  Minute von hupenden Autos und gestikulierenden Menschen umgeben war. Zum Ausgleich konnte ich später auf einsamen, allerdings recht schlammigen Pfaden durch den Regenwald stapfen.

Weg ist weg.

Mehrmals waren kleine, blauschwarze Kolibris zu  beobachten. Diese  Vögel können relativ lange in der Luft stehen bleiben, um mit ihrem langen Schnabel in Blüten zu picken, wobei sie wie ein flirrendes Bällchen aussehen. Wahrscheinlich können sie auch Positionslichter verstellen.

Im Masttopp angekommen halte ich erstmal erschöpft inne.

it´s lonely at the top

Die Abdeckung der Lampe ist tatsächlich um exakt eine Vierteldrehung verstellt. Nach ein paar Versuchen gelingt es mir, die Abdeckung herauszudrehen und  jetzt muß ich erstmal überlegen, wierum denn nun richtig ist. Rot ist Backbord ist links. Ein Blick nach unten verrät mir, wo links ist, aber auch, wie hoch ich bin. Schnell wieder auf die Lampe schauen. Ich bin mittlerweile schweißüberströmt. Ein kleines Bad in einem der Felsbecken unterhalb eines Wasserfalls käme anschließend gut, aber ich habe das Auto ja schon wieder abgegeben. Es gibt viele kleine Wasserfälle oder Kaskaden in Basse Terre wo so ein Bad wunderbar möglich ist.

cool

Einmal sehe ich auf dem Rückweg, wie ein kleines Rinnsal Wasser unmittelbar aus dem Felsen hervorzukommen scheint. Ich trinke etliche Handvoll und verstehe auf einmal die alten Mythen von geheimnisvollen Quellen, deren Wasser Heilkraft oder ewige Jugend oder dergleichen haben soll. Es schmeckt einfach gut. Gesund.

Die Lampe ist nun hoffentlich wieder in der richtigen Position und ich hangele mich nach unten. Obwohl die Schwerkraft helfen sollte, ist der Rückweg irgendwie schwieriger. Mehrmals muß ich die Stellung der Gurtklemmen korrigieren. Aber Land ist ja in Sicht, bzw das Deck kommt näher. Um die Saling herum muß ich darauf achten, mich nicht zu verheddern, dann geht es immer besser. Nach einer Dreiviertelstunde klettere ich aus der Gurtkonstruktion und stehe wieder an Deck. Geschafft. Ob die Lampe wirklich korrekt brennt, kann ich erst bei Einbruch der Dunkelheit kontrollieren, jetzt im hellen Sonnenlicht ist nichts zu erkennen. Als Pessimist würde ich die Kletterkonstruktion noch stehen lassen, als Optimist sie abbauen. Ich entscheide mich für letzteres.

Die Marina Bas du Fort in Guadeloupe bietet sämtliche Versorgungsmöglichkeiten, man kann einkaufen, Ersatzteile besorgen, Wäsche waschen. Das hafenweite Wifi funktioniert auch häufig und ich kann mir verschiedene Wettervorhersagen beschaffen. Bis Ostern herrscht auf dem Nordatlantik noch richtiggehend Aprilwetter, Tiefdruckgebiete, die sehr weit südlich gerutscht sind, Hochs weit im Norden, dazwischen ausgedehnte Flautenregionen. Mit denen muß allerdings auf der Rückreise  gerechnet werden. Mein Ziel ist zunächst die Azoreninsel Faial. Einen direkten Kurs sollte man von hier aus jedoch nicht absetzen, da man erst noch den Passat gegen sich hätte und anschließend in die sogenannten Roßbreiten geräte. Diese Flautenregionen wurden so genannt, weil die Seefahrer früherer Jahrhunderte nach wochenlangem Herumdümpeln dort ihre Pferde über Bord warfen,  das Trinkwasser reichte nicht mehr für Mensch und Tier.  Mein Motor weist nur wenige Pferdestärken auf und ich kann nur  begrenzt Treibstoff mitnehmen, also kommt diese Route für mich nicht infrage. Stattdessen empfehlen sämtliche Handbücher und Experten erstmal ca 1000 sm in nördlicher Richtung zu fahren, bis man aus dem Passat und den Rändern der Roßbreiten heraus ist, um dann südöstlich von Bermudas auf westliche Winde zu treffen, die  hoffentlich in moderater Stärke anhalten und bis zu den Azoren wehen. Das bedeutet einen Umweg von gut 300sm, ist aber dringend anzuraten. Als beste Reisezeit gilt Mai, also werde ich hier noch eine Woche warten, Boot und mich darauf vorbereiten. Mit dem Aufstieg in den Mast ist ja nun schon der schwierigste Posten abgearbeitet und ich hoffe nicht, daß eine hiesige Möwe mir nochmal einen Streich spielt. Wenn die Zeit reicht, miete ich mir vielleicht   sogar wieder den lustigen Aveo und fahre noch einmal zu einem der zahlreichen schönen Strände.

Ein bißchen Abschiedsstimmung hängt  schon in der Luft, nach einem Vierteljahr Karibik.  Der Rückweg wird nicht einfach werden. Aber ich will´s wagen.

3 Kommentare

  • Anko Ahlert says:

    Hallo lieber Hartmut mein alter Seebär,
    wieder einmal ein sehr schöner Bericht, der mit vielen Details und tollen Erlebnissen dem Leser die Möglichkeit bietet, ein wenig mitzureisen. So folge ich Dir nun auch schon seit Beginn Deiner Reise und konnte viel Wissenswertes über das Segeln kennen lernen und natürlich viele Deiner lustigen Geschichten miterleben. Außerdem habe ich mir immer über Google Earth alle Orte angesehen, an denen du geankert hast. Es hat mir immer sehr viel Spaß bereitet und war eine angenehme Ablenkung in der kalten Winterzeit.
    Nun aber rückt der Moment immer näher, an dem es heißt: „Rückreise“ !!!!
    Aber gerade diese hat es in sich. Es ist eine große Etappe, die du noch meistern musst und sie wird noch einmal vieles von Dir abverlangen. Melde Dich auf jeden Fall noch einmal, bevor Du losfährst und gib Bescheid, welches Ziel du ansteuerst.
    Hier in Deutschland gab es tatsächlich noch einmal Maischnee und die Kinder konnten im Harz noch einmal einen Schneemann bauen. Wie du siehst, musst du in jedem Fall den Sommer mit einpacken, so das wir das schöne Wetter aus der Karibik auch hier genießen können.
    Genieße die restliche Zeit im karibischen Ambiente und vergiss die Flasche Rum für Poseidon nicht. Du weißt ja, das der auch gerne mal ein Gläschen trinkt. 🙂
    Liebe Grüße aus Leipzig von der Landratte ANKO.

  • Thorsten says:

    Hallo Hartmut,
    auch ich schaue mir das Ganze immer auf Google an. Da bekommt man richtig Fernweh. Das Besondere an Guadeloupe ist ja, dass man in der EU ist. Man muss sogar nicht einmal Geld tauschen. 🙂
    Und du willst wirklich diesen Monat schon die Rückreise antreten? Wegen der Westwinde? Ich wünsche dir jedenfalls eine sichere Überfahrt und bin gespannt auf den nächsten Bericht.
    Thorsten

  • Anko Ahlert says:

    Hallo Hartmut,
    Du bist ja sicherlich schon unterwegs und kämpfst derzeit mit dem Atlantik. Ich wünsche Dir viel Glück und wenn Du nicht im Bermudadreieck verschollen bist, dann bist Du wohlbehalten angekommen, wenn Du diese Zeilen hier liest.
    Also „herzlich Willkommen“ und liebe Grüße von Anko 🙂

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