Die kopflose Kaiserin

von Hartmut Neuber / am 02.04.2019 / in Allgemein

Auf Union Island hatte ich Jean kennengelernt. Er kam aus St. Vincent, hat mehrere Jahre in Kanada gelebt und eine Vorliebe für blonde skandinavische Frauen . Er war laut, lärmend, sympathisch, kannte fast jeden in Clifton und es war kaum möglich, ihm in den wenigen Straßen des Städtchens nicht zu begegnen. Er jobte in einer Hotelanlage, wo er die Palmen pflegte und stutzte und gleich bei unserer zweiten Begenung schenkte er mir eine Kokosnuß, in die er mit seiner Machete geschickt eine Öffnung geschlagen hatte, aus der man die Milch trinken konnte. It cleans the body, meinte er und sprach aus Erfahrung, da er offensichtlich nicht nur Alkohol als berauschende Substanz einnahm. Frische Kokosmilch schmeckt keineswegs so süß, wie man es erwarten würde, sondern eher würzig und hat tasächlich eine belebende Wirkung. Jean sprach von seinem Plan, zu seiner aktuellen Freundin nach Schweden zu ziehen. Ich erzählte ihm von meinem Segeltörn nach Norwegen, den ich vor zwei Jahre unternommen hatte und wie hell es um halb elf Uhr abends dort noch ist, was wiederum bedeutet, daß es im Winter entsprechend lange dunkel ist. Das kenne er von Kanada, meinte er und es würde ihn nicht abhalten, nach Schweden zu fahren.
Als wir uns verabschiedeten, warnte er mich eindringlich vor seiner Heimatinsel St. Vinvent, in der es nur wenige sichere Ankerbuchten gäbe, am sichersten sei Blue Lagoon direkt vor der Coastguard.
Auf Mayreau hatte ich den Gegensatz zwischen dem Luxusleben der Kreuzfahrttouristen, die für einen Nachmittag den Strand beschlagnahmen und den kargen Lebensumständen der Einheimischen erlebt. Auf St. Vincent scheint dieser Widerspruch noch weniger erträglich zu sein.
Daran mußte ich denken, als ich in Becquia den Anker lichtete, um weiter nach Norden zu fahren. Ich beschloß daher in einem längeren Schlag bis nach Martinique zu segeln, vorbei an den Inseln St. Vincent und St. Lucia. Beide sollen sehr schön sein, aber ich wollte kein Risiko eingehen und hatte durch die Motorprobleme sowieso schon Zeit verloren. In knapp vierundzwanzg Stunden, so rechnete ich mir aus, sollte ich die Bucht von Fort de France erreichen können. Die Fahrt durch den Becquia Channel gelang gut. Im Lee von St Vincent aber schlief der Wind ein und ich mußte für anderthalb Stunden den Diesel anwerfen. Ich blieb die ganze Zeit hellhörig, aber er lief problemlos  und brachte mich mit guten vier Knoten Marschfahrt an der Insel vorbei. Kaum hatte ich die Nordspitze erreicht, briste der Wind auf gut zwanzig Knoten auf. Mit Groß im zweiten Reff und Genua zu knapp zwei Dritteln ausgerollt, macht Nica über sechs Knoten Fahrt, sodaß wir schon am frühen Abend an der Küste von St. Lucia sind. Erstaunlicherweise läßt hier der Wind kaum nach und schon kurz nach Mitternacht passieren wir Rodney Bay und die Nordspitze. Danach legt der Wind nochmal ordentlich zu und erst als der Mond aufgegangen ist, sehe ich, was für eine Dünung da auf uns zurollt. Langgestreckte Wellentäler und eine Wellenhöhe von schätzungsweise drei bis vier Metern. An Schlaf ist kaum zu denken, hier zwischen den Inseln kann Verkehr sein und viele Fischer haben kein AIS oder sind unzureichend beleuchtet. Zwei, dreimal gönne ich mir einen Powernap von zehn Minuten, dann hangele ich mich wieder ins Cockpit, was bei fünfzehn bis zwanzig Grad Schräglage gar nicht so einfach ist.

Der Herd ist waagerecht.

Gegen vier Uhr erreiche ich die Bucht von Martinique. Hinter mir kommt ein stark beleuchtetes Schiff auf, dem AIS sind nur wenige Daten zu entnehmen, eine Fähre vermute ich. Um erst gar kein Problem aufkommen zu lassen, beschließe ich, den ersten Kreuzschlag zu fahren, sodaß die Fähre gut an mir vorbei kann. Ich wende und muß feststellen, daß ich jetzt exakt zurückfahre. Eben noch hart am Wind, jetzt auch, nur auf anderem Bug, aber ein Wendewinkel von 180Grad. Das ist nicht Sinn der Sache. Was ist das nun wieder? Umlaufende Winde in Küstennähe? Boshafter plötzlicher Windwechsel? Völlig falscher Segeltrimm, der aber eben noch gestimmt hat? Ich kann es mir nicht erklären, aber manchmal versteht man eben Wind, Welle und Boot nicht. Ich lasse die Fähre vorbei und wende wieder zurück. Wenigstens ist der Kurs jetzt etwas besser, mehr in die Bucht hinein. Ich rolle die Genua ganz aus, um noch mehr Höhe zu fahren, aber eine halbe Stunde später brist der Wind erneut auf, diesmal  über dreißig Knoten. Das muß doch jetzt nicht sein, Rasmus, denke ich, aber Rasmus ist anderer Meinung. Das Wasser rauscht an der Leeseite vorbei und scheint fast das Deck zu überspülen. Ich muß die Segelfläche wieder verkleinern. Ich bin jetzt seit fast zwanzig Stunden unterwegs, mit kaum Schlaf, immer hoch am Wind, und spüre die Anstrengung. Zusätzlich muß ich gut Ausschau halten, denn auf beiden Seiten meiner Kurslinie sollen sich Fischerbojen befinden, die manchmal beleuchtet sind, wie es etwas unklar in der Seekarte heißt. Voraus kann ich ein gelbes Blitzfeuer erkennen, das ich aber überhaupt nicht zuordnen kann. Vielleicht eines von diesem Fischergedöhns, aber an ganz anderer Stelle als laut Seekarte. Zeit für einen zweiten Kreuzschlag. Diesmal klappts besser, der Wendewinkel beträgt 120Grad, damit kann man arbeiten. So kämpfe ich mich im Morgengrauen in die Bucht hinein. Ein großes Kreuzfahrtschiff geht noch vor mir vorbei und neidisch denke ich an die Leute, die dort jetzt ein reichhaltiges Frühstück zu sich nehmen oder sich einfach nochmal auf die andere Seite drehen. Mittlerweile ist es hell, sodaß ich gut die Masten der ankenden Boote vor Fort de France ausmachen kann. Ich schenke mir den letzten Kreuzschlag, werfe den Motor an und halte direkt darauf zu. Es ist ziemlich voll in der Bucht und im ersten Versuch ankere ich zu nah an einem anderen Boot und muß, um nicht aufgetrieben zu werden, den Anker eilends wieder aufholen. Im zweiten Versuch klappt es, Nica liegt  gut und ich gönne mir die sogenannte Mütze Schlaf.
Martinique gehört zu Frankreich und damit bin ich offiziell wieder in Europa. Es wird rechts gefahren und ein relativ verständliches Französisch gesprochen. Viele Einwohner sprechen zudem Englisch, auf das ich häufig wechseln muß, wenn ich mit meinem wenigen Französisch nicht mehr weiterkomme. Die Hauptstadt Fort de France strahlt eine lässige Eleganz aus, unaufgeregt und leicht runtergerockt. Nur gut hundert Meter vom Hafen entfernt, steht das Hotel L´Imperatrice, dessen Bar ich sofort zu meinem hiesigen Lieblingscafe erkläre. Kaiser Napoleons ebenfalls selbstgekrönte Ehefrau Josephine stammte aus Martinique. Da sie sich für die erneute Einführung der Sklaverei aussprach, hat sie sich wenig Sympathien bei den meisten Einwohnern ihrer Heimatinsel erworben. Sie haben ihrer Statue schräg gegenüber dem Hotel den Kopf abgeschlagen und sie damit, sozusagen in effigie guillotiniert. So sind die Franzosen, wohingegen  die Einwohner der anderen Karibikstaaten offiziell noch treue Untertanen ihrer Majestät sind.

aber im Schatten

Martinique besitzt eine reichhaltige Bibliothek in einem historistischen  Gebäude, sowie zwei Theater, von denen das in Fort de France auch häufig mit ambitionierten Projekten bespielt wird. Die Überreste des anderen stehen in der ehemaligen Hauptstadt Saint Pierre, wo es 1902 mit dem Rest der Stadt Opfer eines verheerenden Vulkanausbruchs wurde. Allerdings hatte man es schon ein Jahr zuvor schließen müssen, weil die Mittel für die notwendige Sanierung nicht aufgebracht werden konnten. Moral: Theater sanieren, sonst bricht der Vulkan aus.

Laden läuft

…nicht mehr

Der Montaigne Pelee bietet an wolkenlosen Tagen vom Gipfel des Kraters aus einen wunderbaren Blick über die Insel. Es ist möglich, ziemlich weit hinaufzufahren, die letzten zweihundert Höhenmeter müssen jedoch über einen steilen Pfad erklommen werden. Ich bin längere Fußmärsche nicht mehr gewöhnt und bereits nach zehn Minuten komplett außer Atem. Erst nach einer halben Stunde hat der Körper sich darauf eingestellt und ich schaffe den Aufstieg. Es bleibt aber eine schweißtreibende Angelegenheit.

hinten ein Wolkenkratzer

Die Sehnsucht nach einer vernünftigen Dusche wird daher nach über einem Monat Ankern immer größer. Ich habe zwar am Heck eine kleine Duschmöglichkeit, aber die Wasservorräte sind begrenzt und schwer aufzufüllen, wenn alles mit dem Dinghi herbeigerudert werden muß. Ich beschließe nach Guadeloupe zu segeln und in die Marina zu gehen. Dort muß ich dann auch die endgültige Entscheidung treffen, wie es weitergeht.

6 Kommentare

  • Gottschalk says:

    Moin Hartmut,

    in Fort de France haben wir im Januar 2016 das Mola Schiff übernommen, echt riesige Marina. Da sollte es auch an Ersatzteilen viel geben.
    Ich denke du mußt langsam Gas geben Richtung Bermuda, die Zeit vergeht schnell und ab 01.06. geht offiziell die Hurrikansaison los. Der Weg zurück wird schon Arbeit werden, aber du bist ja schon ein alter Salzbuckel.
    Anfang Mai soll die Palve ins Wasser, bis dahin will ich noch ein paar Lachse fangen.
    Tilo will dieses Jahr wieder dabei sein.
    Ich schau auf dich, liebe Grüße und handbreit
    Thomas

    • Hallo Thomas,
      in Fort de France war ich nicht in der Marina, sondern habe direkt vor der Stadt geankert, nur wenige hundert Meter von den Kreuzfahrtriesen entfernt. Es hatte ziemlichen Schwell, das Boot tanzte manchmal an der Ankerkette hin und her, dafür war man aber gleich in der schönen Innenstadt. Bin jetzt in Guadeloupe in der Marina, war wieder ein 24h Ritt hoch am Wind mit Böen bis 30kn und mehr.
      Wann die Rückfahrt anzutreten ist, scheint so’n bisschen Glaubenssache zu sein. Der Koblenzer Einhandsegler Guido Dwersteg ist bereits Ende März losgefahren, hat das aber mit zwei Tagen Gegenwind vor den Azoren bezahlt, Jimmy Cornell empfiehlt ab Anfang Mai und laut den Imray Monatskarten ist Juni die beste Zeit. Hängt natürlich auch davon ab, welche Route man wählt…
      Ich werde auf jedenfall bis Ende April warten. Viel Spaß beim Lachsefangen und die Palve wartet sicher auch schon ganz ungeduldig!
      Viele Grüße,
      Hartmut

  • Klaus-Michael Nix says:

    Lieber Hartmut,

    mit Spannung, amüsiert und fasziniert habe ich deine Reiseberichte gelesen und mir gleich eine AIS App heruntergeladen, um zu sehen, wo dich deine Reise aktuell hinträgt, wenn du gerade nicht schreiben kannst. Da sehe ich dich 25 Jahr nicht und bin auf einmal als Zaungast freudig mit unterwegs mit dir. Danke für diese Möglichkeit. Ich drücke dir weiter die Daumen und wünsche dir, dass dich die Winde beizeiten wieder wohlbehalten zurücktragen und wir uns dann mal auf ein Feierabendbier wiedersehen.

    Herzliche Grüße
    Michael

    • Hallo Michael,
      wie schön von Dir zu hören! Hoffe, alles gut bei Dir! Das Feierabendbier müssen wir auf jeden Fall trinken, ich muss mir nur noch über den Rückweg klar werden.
      Viele liebe Grüße,
      Hartmut

  • Anko Ahlert says:

    Hallo Hartmut,
    Ich frage mich so manches mal, wem heutzutage alles der Kopf abgeschlagen werden müsste, weil man die Sklaverei wieder eingeführt hat. Es wären wahrscheinlich recht viele auf der Welt. Nun…….eine der letzten Orte, wo die Sklaverei offiziell betrieben werden darf, ist das Theater. 🙂 Und wenn das nicht durch Sklavenarbeit saniert wird, dann bricht der Vulkan aus. Also, wir sind alle gewarnt.
    Nun zurück in Deutschland. Der Winter gibt nicht auf und schickt seine ohnmächtigen Schauer körnigen Eises in die Flur. Und das Hoffnungsglück lässt auf sich warten. Aber pünktlich zum Osterspaziergang soll der Frühling einkehren, die Wetterlage stellt sich um, und Europa ist bereit, ein kleines Segelschiff namens NICA zu empfangen.
    Das heißt, Hartmut der Seebär kann sich auf die große Reise begeben. Und dann heißt es „Zurück in die Zukunft“.
    Liebe Grüße aus Leipzig von ANKO 🙂

    • Hallo Anko,
      das Atlantikwetter ist im Moment tatsächlich etwas aprilmäßig, in die Kette der Tiefs, die westwärts ziehen, hat sich ein Hoch verirrt, das ab Bermudas starken Gegenwind bringt, ein Tief ist ziemlich weit nach Süden gerutscht und bewegt sich sogar kurzzeitig nach Osten und dem Passat geht nächste Woche für ein paar Tage komplett die Puste aus. Also noch keine stabile Lage, in die ich mich stürzen könnte, also warte ich im sicheren Guadeloupe noch ein bißchen ab, und ab Ostern wird’s hoffentlich besser. Dann sehen wir weiter, aber ich werde ich wohl die Segel setzen und freu mich aufs Wiedersehen!
      Liebe Grüße,
      Hartmut

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