This Isn’t the Hard One

von Hartmut Neuber am 23.03.2019 / in Allgemein

Manchmal muss man eben auch ein bisschen Glück haben. Am Morgen, nachdem ich mich in die Admiralty Bay von Becquia hinein gekreuzt habe, schaue ich aus dem Cockpit, und sehe, dass ein riesiges Kreuzfahrtschiff mitten in der Einfahrt zur Bucht ankert.

Kreuzfahrer

Das wäre mir gestern sehr im Weg gewesen und hätte mich wahrscheinlich zu doppelt so vielen Kreuzschlägen gezwungen. Mit dreizehn Wenden und einer Halse liege ich sowieso schon gut im Rennen. Nach fünf Stunden hatte ich die 27sm bis Becquia geschafft , brauchte für die letzten fünf Seemeilen gegen den Wind aber nochmal zwei Stunden.

Kreuzfahrt

Natürlich war mir ein bisschen mulmig, als ich mich in die Bucht kämpfte . Zweimal blieb ich bei der Wende im Wind stehen, weil ich zuviel Höhe erzwingen wollte und musste tricksen, indem ich die Genua kurz back stellte, oder das Manöver abbrechen, wieder Fahrt aufnehmen und es erneut versuchen. Je näher ich anderen Booten kam, desto weniger konnte ich mir aber sowas erlauben.

Kurz vor meiner anvisierten Ankerstelle geht der Bug erneut in den Wind. Komm, Nica, nur noch zwei Bootslängen! Aber das Boot bleibt stehen und beginnt dann langsam sich zu drehen. Links und rechts von mir liegen andere Segler. Keine Wende mehr möglich, ich muss halsen. Den Windpiloten neu einzustellen schaffe ich nicht mehr. Plötzlich habe ich drei oder vier Hände für Pinne, Großschot, Genuaschot und Winschkurbel. Im zweiten Anlauf erreiche ich dann eine Stelle in drei Metern Tiefe über Sand. Ich werfe die Schoten los, eile geduckt zum Bug, um nicht vom Großbaum, der jetzt frei schwingt, über Bord gefegt zu werden und lasse den Anker ab. Nachdem ich auch hier eine Peilung an Land genommen habe, beobachte ich eine zeitlang meine Position und berge dann erst die Segel. Aufatmend lasse ich mich ins Cockpit fallen. Das Ankerbier, das ich mir dann gönne, ist lauwarm, weil ich den Kühlschrank ausgeschaltet hatte, um die Batterie zu schonen, schmeckt aber trotzdem.
Danach wuchte ich das zusammengepackte Dhingi aus der Achterkajüte an Deck, pumpe es auf und rudere an Land. Ich habe nach wie vor ein Motorproblem. Der hiesige Mechaniker meiner Wahl heißt Kerry und wurde mir sowohl von einem Segler in Mayreau als auch von Chris Doyle in dessen Karibikhandbuch empfohlen. Kerrys Werkstatt liegt etwas abseits der Hauptstraße von Port Elizabeth in einem Hinterhof und hat heute leider schon zu. Nun gut, mir reicht es erstmal, wohlbehalten angekommen zu sein. Die Nacht schlafe ich gut.

Nach dem Blick auf das Kreuzfahrtschiff am nächsten Morgen, rudere ich erneut an Land. Ich liege gar nicht so weit entfernt, aber der Wind hat aufgefrischt und ich komme kaum voran. Vielleicht hätte ich doch noch in einen kleinen Aussenborder fürs Dhingi investieren sollen. Aber der ist auch bloß was zum Kaputtgehen und Rudern ist gesund.
Kerry ist heute Vormittag gerade nicht da, aber seine Mitarbeiterin, die sich zwischen Motorteilen, Werkzeugen und Arbeitsbänken so etwas wie eine Verkaufstheke eingerichtet hat, meint, er käme in einer oder anderthalb Stunden zum Boot. Übersetzt heißt das, vielleicht kommt er heute noch.
Und tatsächlich kommt am späten Nachmittag ein Schlauchboot längsseits und Kerry an Bord. Er schaut sich den Motor an und behauptet, das Problem gleich gelöst zu haben. Es werden dann doch zwei Stunden. I can fix this, sagt er, als der Motor zum wiederholten Male ausgeht, this isn’t the hard one!                                                          Kerry lokalisiert das Problem eher in der Kraftstoffleitung. Sie sei verdreckt und blockiert. Ich sage, dass mich das verwundert, denn ich hätte den Tank vor einem dreiviertel Jahr reinigen lassen. You‘ ve seen it done? fragt er und als ich das verneine, meint er, then wouldn’t believe it. This is a world without confidence, sage ich, eingedenk meines grundlosen Misstrauens gegenüber Artur. Kerry stutzt und schaut mich einen Moment verwundert an. Dann beugt er sich wieder über den Motor. No confidence in de Carribean, knurrt er, womit er dem Rest der Welt immerhin eine Chance gibt. Nach Säubern der Kraftstoffleitung, Filterwechsel und massivem Einsatz eines Reinigungszusatzes, den ich aus den Tiefen eines Schapps hervorkrame, läuft der Motor endlich wieder. Ruhig, gleichmäßig, als wäre nichts gewesen. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Triumphierend macht Kerry mit Daumen und Zeigefinger einen Pistolenschuss auf den Motor. Sein Entgeld ist verschmerzbar und ich blicke in eine etwas rosigere Zukunft.

6 Kommentare

  • Dieter Nake says:

    Lieber Hartmut,
    nun haben wir wieder confidence, dass deine Reise von einer Glücksfee begleitet wird.
    Beste Grüße senden dir
    Gisela und Dieter

  • Heribert says:

    Hallo Hartmut,
    da vermutet man ja fast, hochprozentiges sei irrtümlicherweise in früheren Zeiten zuallerst der Renigung verstopfter Leitungen angedacht gewesen. Gott sei Dank konntest du dich daran erinnern! Na dann Prost und alles Gute weiterhin, Heri

    • Hallo Heribert,
      wenn 20ctl von dem Zeug einen ganzen Dieseltank zur Raison bringen, kann man selbst danach wahrscheinlich nur noch intravenös ernährt werden. Aber vlt hätt ich es auch mit weissem Rum probieren können. 😉Wünsche noch viel Spaß und Erfolg für den Rest der Saison!
      Liebe Grüße,
      Hartmut

  • Anko Ahlert says:

    Hallo Hartmut,
    der Motor ärgert dich schon von Anbeginn deiner Reise. Aber dennoch werden alle Motorprobleme immer wieder gelöst. Immerhin konntest du deine Segelkünste dadurch schulen. Es ist halt ein Segelboot und will unbedingt gesegelt werden.
    Da ja jetzt alles wieder in Ordnung scheint, kannst du dich wieder den schönen Seiten der Reise widmen und die Inseln erkunden. Mit all ihren verrückten Leuten.
    Hier in Leipzig kämpft der Winter mit dem Frühling und es gibt ein auf und ab der Temperaturen. Und so langsam rückt die Spielzeitpause auch näher. Ich freue mich schon auf den Sommer, der bei Dir ja dein ständiger Begleiter war. Man gewöhnt sich sicher daran.
    Ich wünsche Dir jedenfalls weiterhin viel Glück für Dich und freue mich auf jede neue Geschichte.
    Liebe Grüße aus Leipzig von ANKO 🙂

    • Hallo Anko,
      wünsche Euch, dass der Frühling sich bald durchsetzt! Hier verlieren einige Bäume gegen Ende der Trockenzeit ihre Blätter, sodass ich manchmal Laub aus dem Dinghi klauben muss und ein ganz merkwürdiges Herbstgefühl kriege.
      Liebe Grüße,
      Hartmut

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.