Carneval auf Carriacou

von Hartmut Neuber am 17.03.2019 / in Allgemein

Am Morgen scheine ich doch etwas vertrieben zu sein. Leider habe ich nur meine Tauchermaske zur Hand, der Schnorchel selber ist tief in der Tauchtasche vergraben, die wiederum hinter der Tasche mit dem Dinghi steckt. Auf dem Weg zum Anker schlucke ich mehrere kleine fiese Wellen. Die karibische See ist recht salzig. Der Anker liegt faul auf dem Rücken, keiner seiner drei Arme hat sich in den Sand gegraben. Mangelhafte Berufsauffassung. Also Motor an, Anker lichten und erneut setzen. Kein Problem, da um mich herum viel Platz ist. Wieder schaue ich mir unter kräftigem Salzschlucken den Anker an. Diesmal sitzt er gut, aber dicht neben der Kette liegt ein großer Seestern. Falls die Kette sich bewegt, wird das unangenehm für ihn.
Da es den ganzen Tag noch mit starkem Böen weht, wage ich  erst am Nachmittag, das Dinghi aufzublasen und ins Wasser zu lassen. Am Ufer gibt es einen Steg mit einer kleinen Dinghiplattform. In der Bucht liegt seit heute aber auch der holländische Traditionssegler „Wilde Swan“. Ein zweimastiger Toppsegelschoner, der mit Jugendlichen auf Ausbildungsfahrt geht. Sie haben wohl gerade Landgang, denn die Dinghiplattform ist mit Schlauchbooten überfüllt. Das bedeutet für mich, erneut am Strand anzulanden. Im Windschatten des Steges plätschert die Brandung nur, da sollte es gehen. Diesmal halte ich den Bug zum Strand und als ich es knirschen höre, springe ich sofort heraus und kann das Dinghi halten. Ich habe allerdings einen Adrenalinstoss, weil das Körpergedächtnis sich erinnert. Ich ziehe das Dinghi den Strand hoch und befestige es an dem Verandageländer eines verwilderten Anwesens, das bis zum Strand reicht.
An Land kaufe ich etwas Wasser in einem kleinen Supermarkt und bei einer Strassenhändlerin Tomaten und Mandarinen. Sie sind grün- gelblich und voller Kerne, aber schmecken lecker. Weiter die Straße hinunter entdecke ich eine winzige Strandbar, eigentlich nur eine Holzhütte, die aber sehr gutes WiFi hat.

Tor zur Welt

Am Abend umkreisen Pelikane von Sandy Island das Boot, stoßen pfeilschnell ins Wasser und kommen fast jedes Mal einen Fisch mampfend wieder hoch.

Gleich ist der Fisch im Sack

Am Morgen schnorchle ich zur Sicherheit erneut den Anker ab. Er hat gehalten, aber dem armen Seestern fehlt tatsächlich ein Zacken. Ich hoffe, die Tiere haben wenig Schmerzrezeptoren und er wächst nach.

Dieses Wochenende ist Karneval und auf Carriacou wird gefeiert, dass ein Rheinländer neidisch werden könnte. Von Sonntag auf Montag wird durchgemacht , um sechs Uhr früh wache ich auf  und vom Ufer dröhnt und wummert es immer noch. Erst um elf Uhr wird eine Pause eingelegt, die Menschen gehen an den Strand, schlafen oder baden. Irgendwann dreht dann wieder jemand Musik auf und es geht weiter.

Am nächsten Tag will ich ausklarieren, mein nächstes Ziel ist Union Island, das schon zu einem anderen Staat, St.Vincent and the Grenadines, gehört. Es herrscht starker Wind und ich komme mit dem Dinghi kaum voran. In Böen muss ich aufpassen, dass ich nicht zurückgetrieben werde. Etwas ausser Puste erreiche ich endlich den Steg, an dem ich diesmal anlegen kann. Vor dem Customs Büro in der Hauptstraße ist eine kleine Straßensperre eingerichtet, hinter der zwei Männer einen Dialog spielen. Einer trägt normale Kleidung und eine kurze Reitpeitsche, der andere ein buntes papagenoartiges Kostüm.

and Brutus is an honourable man

Nach dem Ausklarieren frage ich die Beamtin, ob sie wisse, was das für eine Szene gewesen sein könne. Ein Ausschnitt aus „Julius Caesar “ von Shakespeare erfahre ich zu meinem Erstaunen. Wieso gerade Caesar will ich wissen, jemand anderes versucht es mir zu erklären, aber in dem Moment setzt draussen wieder dröhnende Musik ein und seine sowieso schwer verständliche Antwort geht vollends unter. Schade.
Inzwischen hat sich auf der Straße so etwas wie ein Karnevalsumzug formiert. Hinter einem Lkw mit dröhnenden Musikboxen tanzen als Wikinger verkleidete Menschengruppen. Es herrscht überbordende Fröhlichkeit. Ich lasse mich anstecken und tanze ein bisschen mit.
Am Ende der Straße steht eine kleine Gruppe von Nonnen und beobachtet das Geschehen.

Zwei Enden einer Straße

Am Nachmittag legt die „Wilde Swan“ ab und steuert genau auf den Horizont zu.  Ich beobachte sie noch lange mit dem Fernglas und sehe, wie tatsächlich zuerst der Rumpf verschwindet und schließlich nur noch das Toppsegel zu erahnen ist. Die Erde ist tatsächlich eine Kugel.

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