Artur und die Pumpe

von Hartmut Neuber am 17.03.2019 / in Allgemein

Für einen Motorausfall gibt es keinen günstigen Zeitpunkt, es ist nur die Frage, wie ungünstig er ist. Diesmal passierte es mir auf der kurzen Strecke von Union Island nach Mayreau. Als fauler Fahrtensegler wollte ich die drei Seemeilen unter Motor machen, zumal es eine Strecke hoch am Wind wäre. Ich hatte gerade die Spitze des kleinen Flughafens von Union Island umrundet, als der Motor anfing zu stottern und schwächer wurde. Etwas in der Schraube? Leerlauf und dann in den Rückwärtsgang. Motor wird weiter schwächer. Im Leerlauf ordentlich Gas geben. Der Motor stottert und geht aus. Neuer Startversuch. Er springt gut an, röhrt einmal kurz und geht aus. Ich springe hinunter, nehme hastig die Niedergangstreppe ab und schaue, ob auf den ersten Blick irgendwas zu erkennen ist. Keilriemen sitzt, auch sonst nichts locker oder lose. Ich befestige die Treppe wieder und gehe hoch ins Cockpit. Der Wind treibt mich auf die Spitze des Flughafens zu, ich muss etwas tun. Um das Groß zu setzen, müsste ich in den Wind, aber das wird mir nicht gelingen, denn ich habe keine Fahrt und 18kn von der Seite. Also die Genua ausrollen und schauen, ob ich irgendwie einen Am Wind Kurs fahren kann. Das Boot setzt sich in Bewegung. Das ist gut, erstmal wieder manövrierfähig werden. Ich hole die Genua so dicht wie möglich und kann tatsächlich einen Kurs auf Mayreau anlegen. Durchatmen. In der Saline Bay, die ich ansteuern will, sind schon vereinzelte Masten zu erkennen. Untiefen gibt es laut Karte vorher nicht. Ich brauche also nur auf eines dieser Boote zuzuhalten, dann müsste ich zu ankerfähigem Grund kommen. Immer wieder flattert die Genua leicht, aber ich kann es mir nicht leisten, abzufallen und Höhe zu verlieren. Die Bucht und die Boote kommen näher. Ich klettere zum Bug und bereite den Anker vor. Es muss beim ersten Versuch klappen, ansonsten werde ich aus Bucht herausgetrieben, ehe ich den Anker wieder aufgeholt habe und erneut werfen kann. Ich klettere wieder ins Cockpit und beobachte den Tiefenmesser. Allmählich wird es flacher, knapp zehn Meter. Ich beschliesse, soweit wie möglich in die nördliche Seite der Bucht zu fahren. Hinter dem ersten Boot, an dem ich vorbeifahre, sind es noch gut neun Meter Tiefe. Bisschen viel zum Ankern, aber ginge zur Not. Nur ein kurzes Stück steuerbord voraus, ist das Wasser heller, fast gelblich. Da ist es flach und sandig, ideale Bedingungen. Ich versuche, auf die Stelle zuzuhalten, aber es ist nicht zu schaffen. Ich komme in den Wind. Ein Blick auf den Tiefenmesser, acht Meter. Gut, dann muss das reichen. Genuaschot los und nach vorne zum Anker . Am besten per Hand abwerfen, das geht schneller als über die elektrische Ankerwinsch. Ich greife in die Kette, trete aber aus Versehen auf den Knopf zum Einholen. Mein rechter kleiner Finger sagt mir, dass ich das sofort lassen soll. Bisschen Autsch, aber nichts passiert. Hand über Hand lasse ich die Kette ab. Sie rasselt und die aufgefierte Genua knattert. Erstaunte Blicke vom Nachbarboot. Ich spüre, wie der Anker auf Grund geht, die Kette wird leichter. Jetzt langsamer ablassen. Bei dieser Tiefe muss ich auf jedenfall alle Kette geben, brauche also keine Markierungen zu zählen. Als alle Kette gesteckt ist, richte ich mich auf und beobachte meine Position . Abstand und Winkel zum nächsten Boot scheinen erstmal gleich zu bleiben. Zurück im Cockpit zeigt der Tiefenmesser achteinhalb Meter. Das ist ok, dann liegt relativ viel Kette auf dem Grund und gibt Halt. Ich hole die knatternde Genua ein. Als nach zehn Minuten die Postion unverändert scheint, atme ich erstmal durch. Dann nehme ich Tauchermaske und Schnorchel und schaue mir den Anker an. Das Wasser ist schön klar, er ist in acht Meter Tiefe gut zu erkennen. Liegt halb auf der Seite, der eine Arm im Sand. Wenn er jetzt Zug bekommt, müsste er sich weiter eingraben. Es hat geklappt.
Wieder an Bord, lege ich mich erschöpft auf die Salonbank. Um irgendwas am Motor zu machen, muss er sich erstmal abkühlen. Ich überlege, was es sein könnte, hoffentlich nur ein Filter verstopft, als von draußen eine Stimme ertönt. Ein Rastaman ist mit einem Paddelboot längsseits gekommen, fragt, wie es mir geht und ob er mir Früchte verkaufen könne. Ich lehne dankend ab, erwähne aber, dass ich ein Motorproblem habe. Oh, meint er, we have a mechanican here. Er deutet auf ein Haus mit blauem Dach am Ufer. Thats where he lives. So lerne ich Artur kennen, den Mechaniker ,der mich etliche Nerven kostet und am Ende doch nicht helfen kann.

Arthur’s Marine Services and Repair

Zunächst versuche ich herauszufinden, ob der Motor leergefahren ist. Ich habe keine funktionierende Tankanzeige, immer nur die Motorstunden aufgeschrieben und geschätzt.
Meine Versuche, den Tank zu entlüften scheitern, aus der Entlüftung tritt irgendwie kein Kraftstoff aus. Der Filter hinwiederum ist in Ordnung. Also beschliesse ich, Artur zu kontaktieren. Ich setze mich ins Dinghi und rudere an Land. Just in diesem Moment entlädt sich ein Wolkenbruch und bis ich den Steg erreiche, bin ich klatschnass. Egal. Triefend gehe ich die steile Straße zu dem beschriebenen blauen Haus hoch. Artur Marine Service verrät ein handgemaltes Schild an der Hauswand. Auf der Veranda sitzt eine Frau auf einem zerschlissenen Autositz. Arturs Schwester, wie sich herausstellt. Ihr Bruder sei gerade nicht da, werde aber morgen zu mir ans Boot kommen. Sie schreibt sich den Namen Nica auf. Ich rudere wieder zurück. Es regnet zwar nicht mehr, aber dafür hat starker Schwell in die Bucht eingesetzt. Als ich mir am Abend etwas kochen will, muss ich den Herd kardanisch aufhängen.
Morgens kommt Artur mit einem kleinen Motorboot längsseits. Ergraute Rastalocken und Brille. Baseballmütze. Keine unsympathische Ausstrahlung. Ich schildere ihm das Problem. Zunächst müsse ich weiter in die Bucht geschleppt werden, meint er, ich sei zu weit draussen. Damit bin ich einverstanden, denn die Nacht war unangenehm. Er kehrt nach einer halben Stunde mit einem jungen Mann zurück, der jetzt das Boot fährt. Ich habe zwischenzeitlich Leinen vorbereitet, die er in Ermangelung einer Klampe an seiner Sitzbank befestigt. Ich runzele die Stirn. Hoffentlich geht das gut. Um die Batterie zu schonen, hole ich den Anker soweit wie möglich per Hand auf. Inzwischen hat sich die Leine um den Aussenborder des Motorbootes gewickelt. Artur schreit und fuchtelt mit den Armen. Mit Mühe gelingt es dem jungen Mann, die Leine zu befreien, ohne sie mit der Schraube zu schreddern. Der Anker ist jetzt hoch und das kleine Motorboot schleppt Nica knapp hundert Meter weiter in die Bucht. Die Sitzbank hält. Hier ist es spürbar ruhiger und ich werfe erneut den Anker. Es ist flach, ich kann deutlich Sandgrund erkennen, der Anker müsste halten. Nun schaut sich Artur den Motor an. Als er die Handentlüftung betätigt, tritt nach kurzer Zeit Kraftstoff aus. Komisch. Trotzdem geht der Motor sofort wieder aus. Artur baut die Kraftstoffpumpe auseinander und entdeckt eine schadhafte Membran. That’s your problem. Er könne eine andere Pumpe von der Nachbarinsel besorgen, wisse aber nicht, wie viel das kostet. Gimme all de money you have. Das lehne ich ab, gebe ihm aber eine kleine Summe. Er schnappt sich die Pumpe und fährt mit dem jungen Mann davon. Ich schaue ihm nach und überlege, ob ich nicht einen Fehler gemacht habe.
Die nächsten Tage bleibt Artur verschwunden Auf Nachfrage erhalte ich unterschiedliche, teils widersprüchliche Antworten. Er sei auf der Nachbarinsel, in Union Island, Carriacou, sogar Grenada. Ich bitte Timothy, den jungen Mann vom Motorboot, ihn anzurufen, da ich dummerweise keine hiesige Telefonkarte habe. Er lehnt ab, habe kein Guthaben mehr. In einem Restaurant hängt ein Zettel mit Werbung für Arturs marine Service und mehrere Nummern. Widerstrebend lässt mich der Restaurantbesitzer telefonieren. Nur auf einer Nummer meldet sich ein Anrufbeantworter. Ich sage, falls er die Pumpe nicht reparieren könne, solle er sie zurückgeben. Eine defekte Pumpe ist besser als gar keine. Sonst bleibt mir nichts übrig als erstmal zu warten. Am nächsten Tag spricht mich jemand an, Artur sei Donnerstag, spätestens Freitag zurück. Die Insel ist sehr klein, es spricht sich alles schnell herum. In dieser Zeit lerne ich einiges über das Leben auf einer kleinen Karibikinsel.
Zum Beispiel Timothy, der junge Mann im Motorboot. Er ist einer der sogenannten boatboys, die zu ankommenden Schiffen fahren und ihre Hilfe anbieten, sei es beim Anlegen an einer Boje, sei es, dass sie Lebensmittel beschaffen oder den Müll entsorgen.

Boatboy

Das Boot gehört ihm nicht, er teilt es sich mit mehreren anderen jungen Männern, eher Jugendlichen . Viele Segler beachten ihn gar nicht. Dann tuckert er durch die Bucht und wartet, ob sich nicht doch ein Job ergibt. Oder hilft seinem Bruder, der auf der anderen Seite der Insel ein Restaurant eröffnet hat. Oder hängt am Strand rum. Er ist zurückhaltend und hat kluge Augen. Während der langen Wartezeit auf Artur freunden wir uns fast ein wenig an.

Noch herrscht Ruhe

 

Dann der Strand. Ein langgeschwungener feiner Sandstrand mit Palmen und kleinen verborgenen Hütten. Meistens menschenleer. Aber hin undwieder ankert ein Kreuzfahrtschiff in der Nachbarbucht und eine Invasion von Touristen setzt ein. Sie kommen in Landungsbooten, die an die Normandie erinnern.

Invasion!

Innerhalb kürzester Zeit ist der Strand bevölkert, Liegen werden aufgestellt, in den Hütten wird Barbecue zubreitet und an langen Leinen hängen t- shirts und Strandkleider zum Verkauf. In der Bucht wird gesurft, gestanduppaddelt, geschnorchelt und gebadet. Eine gelangweilte Steelband spielt. Gegen fünf Uhr nachmittags ist der Spuk vorbei, das letzte Landungsboot verschwindet hinter der Landzunge. Die Einheimischen machen jetzt ihre eigene Musik an und vergnügen sich selber noch ein bisschen. Ich treffe Timothy, der den ganzen Tag nichts verdient hat und etwas frustriert ist.
Oder die Restaurants. Entlang der Straße den Hügel hinauf und weiter, bietet fast jedes zweite Haus local Food and fresh drinks an. Auf kleinen Verandas sind liebevoll Tische und Stühle arrangiert, aber selbst wenn die Kreuzfahrttouristen die Bucht erobert haben, sitzt hier kaum jemand.

Gaststätten

Das Warten auf Artur und die Ungewissheit, ob ich ihn und meine Pumpe jemals wiedersehen werde, zerrt an meinen Nerven. Aus Langeweile fange ich an, den Rumpf des Bootes zu putzen. Ich spanne längsseits jeweils eine Leine zum Festhalten, nehme Maske, Schnorchel und Bürste und schrubbe, soweit der Arm reicht. Dann tauche ich ab und befreie Schraube und Ruder von Grünzeugs. Danach habe ich genug, man kann’s auch übertreiben.
Nach vier Tagen kommt Timothy vorbei und meldet, Artur sei auf der Insel und komme wahrscheinlich bald vorbei. Ein anderer Boatboy ruft mir später zu, Artur sei da and he‘ s got the stuff! Dann soll er doch endlich kommen verdammt nochmal! Als er am Abend immer noch nicht aufgetaucht ist, rudere ich an Land. Vor einem Haus treffe ich ihn beim Dominospiel mit mehreren anderen. Ja, er habe etwas für mich, ruft er aufgeräumt, morgen um halb acht sei er da. Natürlich ist er das nicht und gegen Mittag rudere ich entnervt erneut an Land. Diesmal sitzt er vor seinem Haus und telefoniert. Als er mich sieht, kommt er auf mich zu, entschuldigt sich in einem Redeschwall, von dem ich kaum etwas verstehe und dann drückt er mir doch tatsächlich eine gebrauchte Pumpe für einen Volvo Penta 2002, Bj 1983 in die Hand, zusätzlich zu meiner alten. Respekt! Am Nachmittag käme er, um sie einzubauen. Meine Freude und Zuversicht sind allerdings von kurzer Dauer, denn auch die Ersatzpumpe mit intakter Membran löst das Problem nicht. Zwei Stunden werkelt Artur, versucht es mit allen Tricks, aber der Motor geht immer wieder aus Das ganze Boot stinkt mittlerweile nach Diesel. Schließlich sitzen wir beide erschöpft und frustriert im Cockpit. Artur versucht noch, mir eine elektrische Pumpe anzudrehen, die er von einem Vetter auf einer anderen Insel bekommen könne, aber ich habe genug. Ich entbinde ihn von seinem Job und enttäuscht lässt er sich von Timothy zum Ufer zurück bringen. Ich muss zu einer besser ausgestatteten professionellen Werkstatt. Auf der Insel Becquia, eine Tagesreise entfernt, soll es sowas geben. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu versuchen, nur unter Segel weiterzukommen.

1 Kommentar

  • Thomas Gottschalk says:

    Moin Hartmut,
    immer wieder schön von dir zu hören. Eine universelle Kraftstoffpumpe in die Vorlaufleitung eingesetzt mit 0,3 bar Druck ist eine Option zur Membranpumpe. (angeschlossen an Kl. 15)
    Lass dich nicht runterziehen.. Am Ende segelst du besser als Erdmann.
    Und meide die Walilabu Bay auf Saint Lucia ( Überfälle)
    Viele Grüße
    Thomas

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