Kick’emJenny, Jack Adan und Sandy Island

von Hartmut Neuber / am 09.03.2019 / in Allgemein

Irgendwann muss ich auch LePhareBleu verlassen, wenn ich meine Reise nicht hier beenden will. Wäre durchaus möglich,  denn Grenada gilt als hurrikansicher. Aber ich setze mir das nächste Ziel, bis spätestens Ende April auf die Höhe von Guadeloupe oder sogar Antigua zu kommen. Dann ist ab dort die Atlantiküberquerung in östlicher Richtung möglich. Entlang der Windward Islands nach Norden zu Segeln,  bedeutet jedoch hoch am Wind zu laufen und das ist schon etwas anderes, als sich gemütlich vom Passat schieben zu lassen. Ich will schauen, wie Nica und ich damit klar kommen und dann die endgültige Entscheidung treffen. Also beginnt im Grunde jetzt meine Rückreise.

Der erste Schlag soll mich nach Carriacou bringen, eine Insel nördlich von Grenada. Ich gehe es ganz ganz gemütlich an und will zunächst nur um die Südspitze herum fahren und oberhalb von St Georges in einer kleinen Bucht ankern. Von dort sind es bis Hillsborough auf Carriacou noch gut 35sm und gut an einem Tag zu schaffen. Denke ich.

 

Etwas wehmütig löse ich die Leinen und fahre aus der Marina. Adieu LePhareBleu, hier war es wirklich schön! Ich habe allerdings wenig Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen, denn die enge Fahrrinne zwischen den vielen Untiefen fordert meine ganze Aufmerksamkeit. Ich halte mich zunächst entlang den roten Tonnen, aber als ich sie passiert habe, ist es immer noch sehr flach, kaum fünf Meter. Ich fahre in Schlangenlinien immer da entlang,  wo das Wasser am dunkelsten ist. Einmal sind es keine drei Meter Tiefe mehr und ich werde nervös. Aber es geht gut und auf Höhe der gelben Tonne, die den Eingang zur Fahrrinne markiert, wird es tiefer und ich kann nach Westen abbiegen. Der Wind kommt mit gut zwanzig Knoten aus Ost und ich setze wie gewohnt die Genua. So lasse ich mich bis zur südwestlichen Spitze treiben. Ab hier geht es in nordöstlicher Richtung quer über die Bucht von St. Georges zu meinem geplanten Ankerplatz. Es sind nur noch knapp drei Seemeilen und der Wind kommt jetzt fast von vorn. Für die kurze Strecke lohnt es sich nicht, das Groß zu setzen, beschließe ich, werfe den Diesel an und nehme die Genua weg. Es brist aber weiter auf und mein treuer Diesel hat alle Mühe gegen Wind und Welle anzukommen. So dauert es doch fast zwei Stunden, bis ich meinen anvisierten Ankerplatz erreiche. Ich nähere mich der kleinen Bucht und erwarte, dass der Wind endlich in der Landabdeckung nachlässt. Tut er aber nicht und selbst kaum fünfzig Meter vom Ufer sind es immer noch 18kn. Dafür hält der Anker im ersten Versuch. Es bläst die ganze Nacht durch, aber so versorgt mich der Windgenerator mit genügend Strom.

Zwischenstopp

Am nächsten Morgen ist der Wind erstmal weg. Spätestens um neun will ich los, schaffe es aber schon um kurz nach acht, den Anker zu lichten. Umso besser, es kann nämlich gut sein, dass ich vor Carriacou aufkreuzen muss. Ich setze schon mal das Groß im zweiten Reff, muss aber erstmal motoren. Kurz vor der Nordspitze Grenadas ist der Wind dann da und auch gleich kräftig mit über zwanzig Knoten. Nica legt sich ordentlich  auf die Seite. Um gut Höhe laufen zu können, setze ich noch die Genua dazu. Sie bekommt sofort Druck und ich kann nur mit Mühe verhindern, dass sie ganz ausrollt. Bei Windstärke fünf möchte ich sie etwas eingerefft haben. Jetzt krängt das Boot doch stark und der Windpilot hat Mühe den Kurs zu halten. Sein Ruderblatt steht ganz schräg und nur noch die Spitze ist vom Wasser bedeckt. So kriegt er zu wenig Kraft. Ich nehme selbst die Pinne in die Hand und spüre sofort den gewaltigen Druck dahinter. Immer wieder luvt das Boot an und droht in den Wind zu schiessen.  Ich müsste ca 35Grad fahren, kann aber kaum Nord halten. Na gut, wenn das Boot in den Wind will, dann soll es das. Ich beschliesse, eine Wende zu fahren. Als die Genua im Wind flattert, reffe ich sie schnell noch etwas ein. Die Wende gelingt, allerdings fahren wir jetzt fast zurück. Das Boot krängt aber deutlich weniger und der Windpilot hat es jetzt im Griff. Nach zwanzig Minuten wende ich zurück. Wir fahren jetzt 15Grad und diesen Kurs will ich erstmal halten, bis wir auf Höhe von Carriacou sind.

Kreuzschlag, also einer von den vielen

Erst jetzt komme ich dazu, hinunter an den Navitisch zu gehen und Einträge ins Logbuch zu machen. Auf Backbordbug geht das ganz gut, weil man gegen die Wand gedrückt wird. Auf Steuerbordbug muss man aufpassen, dass einem die Sachen nicht vom Tisch fliegen und man selber hinterher.

Zwischen Grenada und Carriacou liegt ein unterseeischer Vulkan namens Kick’emJenny. Er ist ziemlich aktiv, ca alle 12 Jahre. Im globalen  Maßstab ist das sekündlich. Deswegen  ist über ihm eine Schutzzone von 3sm eingerichtet, die man nicht befahren sollte. Dies ist lediglich eine Empfehlung, auf die ich aber keine Rücksicht nehmen kann, wenn ich heute noch in Carriacou ankommen will. Also fahre ich mehr oder weniger mitten drüber und hoffe, keinen Kick zu bekommen. Es ist schon nachmittag, als ich endlich auf Höhe von Carriacou bin und erneut eine Wende fahre. Zunächst sieht der Kurs ganz gut aus, aber dann können wir die Höhe doch nicht halten und der Bug weist deutlich an der Insel vorbei. Auch die Genua wieder etwas auszureffen bringt keine  Verbesserung.  Nach einer knappen Stunde wende ich wieder zurück, kann aber wieder kaum einen Nordkurs halten. Ich bin der Insel zwar näher gekommen, fahre aber aktuell wieder deutlich dran vorbei. Mittlerweile ist es 16Uhr und ich habe nur noch gut zwei Stunden Tageslicht. Mein Ziel ist Hillsborough Bay, ich könnte aber auch versuchen,  die etwas südlicher gelegene Tyrrel Bay anzusteuern. Chris Doyle, der einen sehr hilfreichen, ausführlichen Revierführer geschrieben hat, ist hier allerdings recht lustig. Tyrell Bay sei sehr einfach anzulaufen und er wundere sich, warum dauernd Yachten auf Grund gehen, schreibt er, um dann von diversen Untiefen und schlecht gewarteten oder fehlenden Seezeichen zu berichten. Hallo?! Tyrell Bay könnte ich noch knapp bei Tageslicht erreichen, aber nach kurzem Überlegen ist mir das Risiko doch zu groß und ich entscheide mich, mein ursprüngliches Ziel Hillsborough Bay beizubehalten.

Die nächste Wende bringt dann Erfolg, jetzt halten wir auf die Insel zu. Ich beschliesse, sobald wir in der Landabdeckung sind,  den Motor anzuwerfen und dann direkten Kurs auf Hillsborough zu nehmen. Leider gibt es in der Karibik irgenwie keine Landabdeckung. Wir kommen den Bergen immer näher, haben aber immer noch Windstärke 5. Das ist zu viel für den Diesel,  aus der Erfahrung von gestern weiß ich, dass wir kaum drei Knoten machen würden. Ich muss weiter Segeln. Bei der nächsten Wende blicke ich in einen wunderbaren Sonnenuntergang. Alles klar, ich werde bei Dunkelheit den Anker werfen müssen. Mit dem letzten Licht erreiche ich die Einfahrt zur Hilsborough Bay und kann noch die Segel wegnehmen. Ab hier schafft es der Diesel.  Ich muss jetzt zwischen der vorgelagerten  Insel Sandy Island und einem Felsen namens Jack Adan durch. Die karibische Dämmerung ist nur kurz und es herrscht mondlose Nacht. Das rote Licht von Sandy Island kann ich erkennen, das grüne von Jack Adan irgendwie nicht. Halte ich mich eben an Sandy. Voraus sind die Lichter  von Hillsborough auszumachen. Jetzt ist das Echolot das wichtigste Instrument, damit ich weiß,  wann es flach genug ist, um den Anker zu werfen, dabei aber nicht auf Grund zu laufen. Blöderweise habe ich es auf dem Atlantik, um Strom zu sparen auf die niedrigste Beleuchtungsstufe heruntergedimmt. Mitten auf dem Ozean braucht man keinen Tiefenmesser. Ich drücke auf den Knöpfen herum,  um es heller zu kriegen,  erreiche aber nur, dass die Anzeige irgendwann komplett weg ist. Nicht gut. Nach weiterem Herumgedrücke erscheint sie aber wieder. Zur Not muss ich die sie halt mit der Kopflampe anleuchten.  Ich spähe nach ankernden  Booten.  Eines kann ich erkennen am Ankerlicht im Masttopp. Ich fahre ungefähr auf seine Höhe und biege dann ab entlang der Küstenlinie. Knapp sechs Meter verrät mir das Echolot,  da sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Deswegen sehe ich auch den Schemen vor mir.  Dacht ich’s mir doch, irgendein unbeleuchtetes Boot liegt hier bestimmt rum. Ich bin so begeistert über meine Scharfsichtigkeit,  dass ich den regulär beleuchteten Ankerlieger dahinter beinahe übersehe. Aber es ist genügend Platz, hier kann ich bleiben. Ich drehe, fahre wieder zu dem Schemen zurück, lasse den Anker fallen und mich zurücktreiben, bis alle Kette draussen ist. Auch hier bläst es immer noch mit achtzehn Knoten, aber wir kommen zwischen den beiden Fahrzeugen zum Stehen. Ich nehme eine grobe Peilung auf ein beleuchtetes Haus. Der Anker scheint zu halten. Kaum habe ich den Motor ausgemacht, setzt starker Regen ein. Vielen Dank, dass er mir das Salz vom Boot wäscht und  bis jetzt gewartet hat. Das hätte ich nicht auch noch gebraucht.

1 Kommentar

  • Anko Ahlert says:

    Radioman Hartmut the Seabär is coming now…….. 🙂
    Einen echten Seebär zieht es halt immer wieder auf das Meer hinaus. Auch wenn Deine letzte Lokation zum ewigen verweilen verführen kann, das Meer ruft und ein Segelboot will immer bewegt werden. Also Nica war stärker als die süße Südseeinsel.Nun, ich freue mich, das du wieder unterwegs bist und neu Abenteuer erlebst und den Zyklopen besiegen wirst. Deine Berichte sind mir immer eine willkommene Abwechselung im tristen Winter hier in Deutschland. Und eine lustige Busgeschichte gab es oben drauf. Vielen lieben Dank dafür.
    Also…… jetzt ist schon das erste mal das Wort „Rückreise“ aufgetaucht. Tja, …..so langsam rückt die Heimat wieder näher. Vielleicht unternimmt man auch deswegen so eine große Reise, um die Heimat wieder schätzen zu lernen. Du hast schon viel geschafft, aber es liegt auch noch ein großer Teil der Reise vor Dir. Ich würde sagen: Halbzeit. Und eine große Atlantik- Überquerung liegt noch vor Dir. Genieße also die Zeit auf den karibischen Inseln und ihren hervorragenden Busverbindungen. Und wenn Du in Richtung Osten segelst, bringst Du bitte den Sommer mit.
    Bis dahin…….liebe Grüße von der Landratte ANKO 🙂

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