Save the best for the rest

von Hartmut Neuber / am 09.02.2019 / in Allgemein

Bei Tagesanbruch sind die Hotelanlagen an der Südostküste von Barbados schon mit bloßem Auge zu erkennen. Ich werfe nochmal einen genauen Blick auf die Seekarte, um mir die Ansteuerung von Bridgetown einzuprägen und bemerke, daß wir genau auf die Untiefe „The Shallows“ zuhalten. Dies ist eine kleine Gruppe unterseeischer Berge, deren Gipfel bis 60m unter die Wasseroberfläche ragen. Bei Dünung aus Osten, die wir eindeutig haben, und Strömung aus Westen wird an diesen Bergen Wasser zur Oberfläche gepreßt und es entstehen äußerst ungemütliche Kreuzseen. Da meine Logge nicht zuverlässig funktioniert, kann ich nicht ausmachen, ob wir Gegenströmung haben, also ändere ich den Kurs sicherheitshalber nach Norden und halte mich gut von diesem möglichen kleinen Hexenkessel frei.

Shallows vor Insel im Westen

Inzwischen brausen Flugzeuge im Landeanflug auf Barbados über mich hinweg, die Zivilisation hat mich wieder. Es hat nochmal kräftig aufgebrist und wir kommen gut voran. Auf Höhe der Carlisle Bay, die mein Ankerplatz werden soll, nehme ich das Segel weg. Bis zum Hafen von Bridgetown, wo ich erstmal einklarieren muß, sind es nur noch knapp zwei Seemeilen und jetzt beginnt der komplizierte Teil. Ich melde mich über Funk beim Hafen und will mich erkundigen, ob ich einlaufen kann oder starker Schiffsverkehr besteht. Es meldet sich auch sofort jemand und daß ich auf Kanal zehn wechseln soll, ist das letzte, was ich für lange Zeit verstehe. Ich wechsle auf Kanal zehn und was ich dann höre, kann ich als die englische Sprache identifizieren, aber nicht viel mehr. Immer wieder: „Sorry I didn´t understand, could You please repeat. Over“ „Gurgelbrabbelgurgel“ “ Sorry, I didn´t …“ usw. Die Hafeneinfahrt, hinter der drei hässliche Hochhäuser stehen, ist mittlerweile fast erreicht, als die Gegenstimme genervt, aber endlich lagsam und deutlich erklärt, daß sie meine Nationalität, Ausmaße des Bootes und Anzahl der Crewmitglieder wissen will. Ach so, ja natürlich. Ich gebe die Informationen durch und verstehe danach wieder nicht mehr, wo ich jetzt im Hafen hin soll. Die Nummer streßt mich mittlerweile mehr als die ganze Atlantiküberquerung. Ich fahre einfach in den Hafen hinein und erkenne, daß die drei Hochhäuser drei Kreuzfahrtschiffe sind.

oh, es sind Schiffe.

Laut Plan befindet sich das Einklarierungsbüro am Südende des Hafens. Aber wie zum Teufel soll ich mit meiner kleinen Yacht an einer über zwei Meter hohen Kaimauer anlegen, mit riesigen Pollern, um die meine Festmacherleinen mal gerade herum reichen? Aus dem Funkgerät quäkt es wieder, diesmal mit einer Mischung aus Genervtheit und Amüsement:  „Nica, go to the stern of Serena!“ Bitte? „This is the vessel right beside you! Go to the stern!“ Jetzt erkenne ich, daß ca zwanzig Meter über mir an einem der Kreuzfahrtschiffe der Name Serena prangt. Zu deren Heck soll ich also fahren, wie soll man das denn ahnen!
Ich halte also auf das Heck zu und frage mich, ob ich jetzt am Propeller festmachen soll oder was, als ich auf der Kaimauer eine Gestalt erkenne, die mir winkt. Direkter zwischenmenschlicher Kontakt, gottseidank! Der Hafenangestellte dirigiert mich an einen der riesigen Fenderblöcke, die an der Kaimauer angebracht sind. „Hey, you´re radioman?“ Er lacht gutmütig. Na super, jetzt bin ich für alle Hafenangestellten schon radioman. Egal, erst mal festmachen. Ich werfe ihm meine Leinen hoch, eine gibt er mir eine auf slip zurück, die andere befestigt er irgendwo hinter dem Fenderblock. Er erkundigt sich nach meinem Namen und als ich ihn nenne, meint er ich müsse wirklich ein „big heart“ haben, „so far from home in such a small boat!“ Ich nehme es als Kompliment und Nica hoffentlich auch. Dann fragt er mich, ob ich denn noch genügend Bier habe. Eine Dose sei noch übrig, meine ich. Well, save the best for the rest, sagt er, winkt mir, geht und läßt mich mit dem Problem allein, wie ich denn nun die Kaimauer hochkommen soll.

Gut, daß der nicht in Fahrt ist

Ich gehe erstmal unter Deck, krame meine Unterlagen zusammen und ziehe mich um. Die Beamten in der Karibik mögen es nicht, wenn man in Flipflops und Badehose in ihr Büro latscht, habe ich gehört. Durchaus verständlich. Außerdem sollte ich mein aktuelles t-shirt nicht mehr in geschlossenen Räumen tragen. Eine lange Leinenhose und -hemd liegen für diesen Fall bereit. Das Erklimmen der Kaimauer schließlich gelingt  nach dem Motto, einfach nicht drüber nachdenken und schwuppdiwupp bin ich oben, ohne genau zu wissen, wie ich das gemacht habe.

Nica hinter Stern von Serena

Nach drei Wochen stehe ich zum erstenmal wieder auf festem Grund und Boden und fange an zu torkeln. Am Ende der einwöchigen Überfahrt nach Teneriffa, bzw, später der auf die Kapverden, war das nicht so schlimm, aber einundzwanzig Tage Atlantikdünung stecken einem schon in den Knochen. Geschwindigkeit hält aufrecht, denke ich mir und versuche, auf der Kaimauer an der hundertachtzig Meter langen Serena vorbei eine gerade Linie zu laufen. Die Büros zum Einklarieren befinden sich in einer langen Halle voller Duty Free Geschäfte. Es wimmelt von Menschen. Ungewohnt.

Blick vom Büro

An der Schmalseite führt eine Treppe zu einer Balustrade mit mehreren Türen, Health steht auf einer, Customs auf einer anderen. Ich klopfe bei Health und werde hinein gebeten. Ein recht kleines Büro, stark klimatisiert. Ein Beamter sitzt hinter einem winzigen Schreibtisch, an der Seite hängt ein Fernseher, in dem anscheinend ein Baseballspiel läuft. Es ist Cricket, wie ich später erfahre, eine Sportart, die in der Karibik mindestens so populär ist wie Fußball bei uns. Ich muß einige Formulare ausfüllen und werde weitergeschickt zu Customs. Ich klopfe dort, öffne, es sind aber noch Kunden drin. Sieh an, das schwedische Ehepaar, das mir den Ausflug nach Santo Antao empfohlen hat! Ich kann also noch warten und unterhalte mich dabei mit einem ungeduldigen amerikanischen Segler, der irgendwas nachreichen muß. Ich sei gerade angekommen, sage ich. Yes, heard you on the radio, grinst er. Ich überlege, ob ich aus meiner Popularität nicht irgendwie Kapital schlagen kann. Dann kommt das schwedische Ehepaar heraus, sie haben gerade ausklariert und wollen weiter nach Bequia, eine Insel, die ich auch auf dem Plan habe. Der amerikanische Segler nutzt die Gelegenheit und witscht schnell ins Büro. Das Ehepaar und ich wünschen uns gegenseitig weiter gute Reise und ich torkele hinterher. In diesem Büro läuft ebenfalls ein Fernseher mit der Cricketübertragung, zusätzlich aber noch ein Radio.  Es muß ein wichtiges Spiel sein. Hinter einem Schreibtisch voll mit  Stapeln von Formularen, sitzt ein älterer Beamter, der den Sportübertragungen allerdings wenig Aufmerksamkeit schenkt.
Die Angelegenheit des amerikanischen Seglers ist tatsächlich schnell erledigt, er entschuldigt sich und witscht wieder aus dem Raum. Der Beamte hinter dem Schreibtisch spricht ein für mich so undeutliches, gurgelndes Englisch, daß ich fast jedesmal nachfragen muss. So vergeht die Zeit, aber keiner von uns verliert die Geduld. Unvermutet fragt mich der Beamte zwischendurch, ob ich Bier trinken würde. Das kann ich reinen Gewissens bejahen und er grinst mich an, we have a lot of beer.  Schon der zweite Offizielle, der von Bier redet. Sympathische Insel . Nachdem etliche Formulare ausgefüllt, unterschrieben, abgestempelt und abgeheftet sind, schickt er mich zu einem letzten Büro, diesmal im Erdgeschoß.
Dies ist ein fensterloser kleiner Raum mit einem jungen Beamten, der nervös wirkt. Vermutlich weil kein Fernseher läuft. Ich muß eine Crewliste in dreifacher Zahl anfertigen, mit Namen, Adresse, Geschlecht und Passnummern. Hier erweist sich Einhandsegeln erneut als Vorteil. Zum Abschluß überreicht mir der Beamte drei leere Formulare, die ich beim Ausklarieren wiederum ausgefüllt vorlegen soll. So wird das Baumsterben nicht gestoppt.
Dann ist endlich alles erledigt, ich kann mich mittlerweile ganz gut aufrecht halten und durchstreife die Halle auf der Suche nach einem Geldautomaten und einem Restaurant, da ich allmählich Hunger verspüre. Beides ist nicht vorhanden, also zurück zum Boot, ich muß ja auch noch einen Ankerplatz in der Carlisle Bay finden und mittlerweile ist es schon Nachmittag. Die Rückkehr aufs Boot gelingt nur mit kühnem Sprung, aber auch das geht gut. Ich ziehe mich erneut um, Ankern kann schmutzig machen. Leider muss ich noch einmal auf das Fenderbrett, um die eine Leine zu lösen. Nachdem ich sie losgemacht und aufs Boot zurückgeworfen habe, beginnt sich Nica schon zu bewegen. Der zweite Sprung zurück gelingt daher nicht mehr so ganz und ich stoße mir schmerzhaft den Knöchel. Jetzt nichts wie weg hier, bevor ich noch eines der Kreuzfahrtschiffe ramme, seit einem Vorfall aus dem Jahre 1912 weiß man ja, wie schnell die Dinger sinken.
Außerhalb der Kaimauer erwartet mich wieder kräftiger Wind, 17kn. Das wird in der Carlisle Bay ja hoffentlich besser werden, denke ich. Tut es aber nicht, der Wind bläst unverändert, glücklicherweise ablandig. Die Bucht ist gut gefüllt mit ankernden Booten, ein passender Platz für mich ist nicht sofort auszumachen. Ich tuckere zwischen den Booten herum, achte dabei auf jeweils genügend Abstand zum Bug, weil da ja irgendwo die Ankerkette verläuft. Schließlich entscheide ich mich für eine Stelle, an der ich genügend Abstand zu den Nachbarbooten haben müßte. Beim Ankern ist nicht nur der Halt des Ankers auf dem Boden entscheidend, sondern Länge und Gewicht der Kette, die auf dem Boden liegen. Das drei bis fünffache der Ankertiefe wird empfohlen. Die Kettenlänge muß zudem markiert sein, meint der Karibikexperte Chris Doyle. This is imperativ, schreibt er kategorisch, also habe ich noch auf La Gomera meine neue, 30m lange Ankerkette alle fünf Meter mit einem roten Farbklecks versehen.

Eins…

Ich fahre gegen den Wind ca zwei Bootslängen über die Stelle hinaus, an der ich zum Liegen kommen will. Dann gehe ich zum Bug, warte bis alle Fahrt aus dem Boot ist und lasse den Anker fallen. Hier sind knapp sechs Meter Tiefe und als ich beim Zählen der roten Farbkleckse durcheinander komme, beschließe ich, die ganze Kette zu stecken, ist eh sicherer. Der Wind müßte das Boot nun auf meine gewünschte Position zurücktreiben. Als alle Kette draußen ist und sie sich ein wenig spannt, lege ich die Hand auf und prüfe, ob sie vibriert. Das würde bedeuten, der Anker schleift auf dem Boden, sie fühlt sich aber gut an.  Zurück im Cockpit muß ich jedoch feststellen, daß ich sehr nah am hinteren Boot bin, kaum eine Bootslänge. Schade, das ist zu nah. Also alles nochmal von vorn. Ich gehe wieder zum Bug und jetzt kommt die neue Ankerwinsch zum Einsatz. Sie kriegt die Kette auch ganz gut hoch, nur manchmal droht sie durchzudrehen und ich muß mit Hand nachhelfen. Als so mit vereinten Kräften der Anker wieder aus dem Wasser auftaucht, sehe ich, daß zwischen seinen beiden Armen ein kreisrunder Stein liegt, der dort exakt hineinpaßt. Leider lache ich einen Moment zu lang und bemerke erst spät, daß wir schon fast auf das hintere Schiff aufgetrieben sind. Ich lasse den Anker hängen, stürze zurück ins Cockpit und kann einen Zusammenstoß mit knapper Not vermeiden. Ich drehe eine neue Runde, nicht zu schnell, damit der am Bug baumelnde Anker nicht gegen den Rumpf schlägt. Diesmal fahre ich knapp drei Bootslängen über meinen anvisierten Platz hinaus und hoffe, daß beim Ablassen oder dem Aufprall auf den Boden der Anker seinen Stein verliert. Wieder lasse ich alle Kette ab, und diesmal liegen wir mit genügend Abstand zu allen anderen Booten. Ich gebe noch etwas Rückwärtsgas und hoffe, daß der Anker sich in den Sandgrund eingräbt. Erstmal geschafft. Zur Sicherheit greife ich mir aber noch Taucherbrille und Schnorchel, schlüpfe in die Badehose und schaue mir das ganze mal an. Empfiehlt Chris Doyle ebenfalls. Das Wasser ist angenehm kühl und sehr klar. Ich folge dem Verlauf der Kette, aber als ich den Anker sehe, hält dieser seinen Lieblingsstein immer noch fest umklammert. Ach egal, hat er noch zusätzlich Gewicht und ich werde meine Position erstmal beobachten. Wieder an Bord machen sich Hunger und Durst erneut bemerkbar. Ich würde jetzt gerne in einem Restaurant etwas essen und ein Bier trinken, was mir die Einheimischen bislang so ans Herz gelegt haben. Dafür will aber erstmal das Dinghi aus der Achterkajüte hochgewuchtet und aufgepumpt sein. Als ich das auch noch bewerkstelligt habe, suche ich das Ufer mit dem Fernglas ab. Mehrere Bars und Lokale, aber kein Dinghisteg. Trotzdem verstaue ich Handy, Kamera und Portemonnaie in einem kleinen wasserdichten Beutel und rudere los.

Schön, aber schön schwer ans Ufer zu kommen.

Die Sonne geht bereits unter, aber an einem der Strandlokale kann ich die Aufschrift live lobster erkennen. Gut, das werde ich mir nicht bestellen, aber dort gibt es immerhin etwas zu essen. Das bißchen Brandung sieht völlig ungefährlich aus, wird mir aber trotzdem zum Verhängnis. Wenige Meter vor dem Strand bin ich auch noch so blöd, das Boot zu drehen, so daß ich die Welle hinter mir nicht sehe. Das kleine Schlauchboot wird schräg hochgehoben, verhakt sich vorne im Sand, wo es die Unterströmung zurückreißt, ich werde hinausgeschleudert und die Welle rauscht über mich hinweg. Von einer Sekunde auf die andere bin ich pitschnass, sandig und salzig. In diesem Zustand empfiehlt sich kein Besuch in einem Restaurant, das live lobster anbietet, auch in allen anderen nicht. Fluchend fange ich mein Dinghi wieder ein. Der wasserdichte Beutel ist nur insofern wasserdicht, als er das eingedrungene Wasser nicht mehr herausläßt. Glücklicherweise sind Handy und Kamera wasserfest und Geld stinkt nicht. Hungrig, durstig und frierend rudere ich wieder zum Boot zurück und frage mich dabei, ob sowas vielleicht auch Leuten wie Columbus passiert ist, man es der Nachwelt nur verschwiegen hat. An Bord ziehe ich mich aus, koche die obligatorischen Nudeln und bin sehr froh über meine letzte Bierdose.

6 Kommentare

  • Katja says:

    Hey Radiomann, gut, dass du kein Kreuzfahrtschiff versenkt hast. 😀 Die ganzen Scherereien…. Auf der anderen Seite: da könnten wir doch wieder ein neues Wrack betauchen 🤣 Bis morgen!! 😘

  • Dieter Nake says:

    Hallo Hartmut,
    einfach köstlich, wie du deine Ankunft beschrieben hast. Ich habe herzhaft gelacht. Um die Zeit zwischen deinen Berichten zu überbrücken, lese ich jetzt von Georg Forster „Entdeckungsreise nach Tahiti und in die Südsee 1772-1775“. Sehr interessant dieses Buch, aber an deinen Humor kommt der Forster nicht ran.
    Beste Grüße senden dir Gisela und Dieter

  • Thorsten Franke-Haverkamp says:

    Radioman ist doch kein schlechter Name. oder? 🙂
    Ich hab mir eben die Carlisle Bay auf Google Maps angeschaut – ein Traum, einfach nur ein Traum. Genießt die Zeit zusammen dort!
    Liebe Grüße
    Thorsten

    • Hallo Thorsten,
      besten dank für die Grüße! Bin mittlerweile auf Grenada, da haben Katja und ich uns getroffen. Liegen in einer wunderhübschen kleinen Marina. Carlisle Bay war leider relativ laut..
      Viele Grüße,
      Hartmut

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