Generalkurs 210 Grad

von Hartmut Neuber / am 22.12.2018 / in Allgemein

Abfahrt
Die Chance nach mehrtägiger Fahrt einen fremden Hafen bei Tageslicht zu erreichen steht ungefähr fifty fifty. Zumal, wenn dieser Hafen sich schon in Äquatornähe befindet und man mit einem kleinen Segelboot unterwegs ist, das keine konstante Geschwindigkeit einhalten kann. Die Strecke von Estaca, El Hierro nach Mindelo auf Sao Vicente beträgt 766sm, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4,5kn wären das etwas mehr als sieben Tage. Ich plane also Mittwoch, den 12. Dezember um zehn loszufahren und eine Woche später nachmittags in Mindelo einzutrudeln. Vorher lasse ich noch ein Starkwindfeld durchziehen und habe also Zeit, nervös zu werden. Die letzten Tage sind sowieso geprägt von Anspannungen, Sorgen und Zweifeln. Ist das alles richtig? Reicht es nicht, bis auf die Kanaren gekommen zu sein? Hier ist es doch auch schön und man ist schnell wieder zuhause. Andererseits aber will ich einmal dieses Gefühl erleben, alleine und nur von Wind, Welle und Boot abhängig zu sein. Außerdem wird es abends hier auch schon empfindlich kühl. Mit diesen widerstreitenden Empfindungen treffe ich die letzten Vorbereitungen, wechsle die Gasflasche und kaufe noch frisches Obst. Am Abend vor der Abfahrt schaue ich gefühlt stündlich auf den Wetterbericht. Der Wind wird moderat sein, Welle jedoch noch bis zu drei Meter. Das ist machbar, hatten wir auf der Fahrt nach Teneriffa auch, sogar mehr.
Am Morgen bereite ich die Leinen zum Ablegen vor und plaudere sogar noch ein bißchen mit der Crew eines Ausbildungsbootes, das in der Nacht neben mir angelegt hat. Dann ist es soweit, die letzte Landverbindung ist gelöst, ich gebe Rückwärtsschub und motore dann aus dem Hafen.

Fender kommen noch rein

Draußen will ich das Vorsegel setzen und da geht es auch schon gut los. Der Autopilot springt wieder aus der Halterung und der Windpilot ist so schwergängig, daß er sich kaum verstellen läßt. Mit keinem von beiden läßt sich ein gerader Kurs halten, ich fahre Schlangenlinie. Also nehme ich wieder die Pinne in die Hand und steuere selbst, bis ich genügend Abstand zur Küste habe, lege den Leerlauf ein, springe unter Deck und krame die Werkzeugkiste hervor. Eine Zange muß erstmal reichen, um die Fassung in der Halterung des Autopiloten festzuklemmen. Gut, der scheint erstmal wieder zu funktionieren und ich kann einen Kurs entlang der Küste anlegen. In die Stellschraube des Windpiloten sprühe ich eine ordentliche Portion Kontaktspray und drehe sie solange, bis alle schwergängigen Abschnitte wieder gut beweglich sind. Hätte ich natürlich alles vor der Abfahrt überprüfen können. Mittlerweile habe ich auch schon die Südspitze von El Hierro erreicht, ab hier will ich das Vorsegel ausbaumen, Generalkurs 210 Grad. Dafür muß ich aufs Vordeck, den Spibaum mit drei Leinen versehen, am Mast einhängen und hochziehen. Wäre gut, wenn der Autopilot dabei nicht wieder die Fassung verliert. Aber alles klappt auf Anhieb, das Segel füllt sich mit Wind und mit den geplanten viereinhalb Knoten geht es Richtung Kapverden.

Na steht doch!

Fahrt
Ich sitze aufatmend im Cockpit und sehe zu, wie El Hierro immer kleiner wird. Eigentlich schön, aber jetzt kommen die Gedanken von, allein auf weitem Meer, keine Menschenseele weit und breit, absolute Einsamkeit usw. Mir wird schnell klar, daß ich diesen Gedanken keinesfalls Raum geben darf, sonst steigern sie sich zur Panik. Also nochmal schauen, ob alle Leinen klar sind, Position aufschreiben, Nudelsuppe heiß machen. Die Welle hat schon gut zwei Meter erreicht und Nica schwankt beträchtlich. Das wird jetzt eine Woche so bleiben. Als die Sonne untergeht, taucht wieder dieses mulmige Gefühl auf , aber jetzt bin ich eher gespannt, wie ich den Nachtrhythmus einhalten kann. Ich will jede Stunde aufstehen, Kurs, Geschwindigkeit und Segelstellung überprüfen und Ausschau halten, ob etwas zu sehen ist, was vom AIS nicht angezeigt wird. Ich werde in der Salonkoje schlafen, damit ich im Falle eines Falles schnell oben im Cockpit bin. Dafür habe ich sie mit dem sogenannten Leesegel zurechtgemacht, sodaß ich bei unerwarteter Schräglage nicht herauspurzeln kann.

Schnell raus aber auch wieder rein

Es geht erstaunlich gut, ich kann tasächlich etwas schlafen, aufstehen, gucken und wieder einschlafen. Allerdings muß man auf das Weckerklingeln sofort reagieren, Beine rausschwingen und hoch, jedes Zögern, ach noch ein paar Minütchen oder so, macht es nur schwerer. So vergeht die erste Nacht ohne Zwischenfälle und als die Sonne aufgegangen ist, lege ich mich nochmal hin, ohne den Wecker zu stellen.
Da ich nun in internationalem Gewässer bin, hole ich nach über einem Vierteljahr die spanische Gastlandsflagge ein. Sie ist schon recht zerrupft und hat jetzt erstmal Pause, bis, tja wann? Irgendwann mal wieder auf den Kanaren? Ich weiß es nicht. Den Adenauer habe ich auch schon längst eingeholt, weil er sich sonst wieder mit dem Windpiloten gestritten hätte und fahre nun flaggenlos durch die Gegend.
Es geht in den zweiten Abend und bislang habe ich noch keine anderen Schiffe gesehen. Aber kaum ist es dunkel, ich werfe noch einen letzten Rundblick, bevor ich mich zur Ruhe betten will, da sehe ich Lichter. Gleich in zwei Richtungen. Ein schwaches rotes Licht steuerbord achteraus und ein weißes steuerbord voraus. Den ganzen Tag nix und nachts kommen sie aus ihren Löchern. Was mich allerdings beunruhigt, ist, daß ich keinerlei Anzeige auf dem AIS habe.

Wieso is da nix?

Mit Schlafen ist erstmal nichts, das muß ich beobachten. Das einzelne rote Licht kann nur das Positionslicht eines Segelboot sein, aber was ist das weiße? Ein Fahrzeug unter Motor, aber ich kann kein Positionslicht erkennen. Es verschwindet auch immer wieder in den Wellen,  kann also nicht sehr groß sein, heißt aber auch, daß es nicht weit entfernt ist. Ich kann nicht ausmachen, welchen Kurs es fährt. Das rote Licht verschwindet allmählich Richtung Westen, der Segler biegt schon in die Karibik ab, kann es wohl nicht abwarten. Das weiße Licht voraus könnte ein Fischer sein, der sehr weit hinaus gefahren ist, um irgendeinen Tiefseefisch zu holen. Der Segler muß kein AIS haben, der Fischer, wenn es denn einer ist, hingegen schon. Nach einer guten Stunde verschwindet das weiße Licht voraus. Ich lege mich hin. Nach einer Stunde klingelt der Wecker und ich klettere ins Cockpit um Ausschau zu halten. Schon wieder Lichter, was ist denn heute nacht los! Und wieder nichts auf dem AIS, jetzt wird´s mir doch unheimlich. Die Lichter sind backbord achteraus und gut zu erkennen, weiß und grün, also ein Fahrzeug unter Motor von maximal fünfzig Meter Länge. Jetzt ertönt das Warnsignal vom AIS, wenigstens etwas. Der Frachter, oder was auch immer, ist wohl weniger als zwei sm entfernt, scheint aber einen Parallelkurs zu fahren. Ich gehe ans Funkgerät und rufe einfach mal an. Unknown motorvessel close to position blabla, this is sailyacht nica. Es meldet sich auch sofort jemand, allerdings in äußerst schlechter Funkqualität. Ich verstehe nur, daß sie mich gesehen haben und backbord passieren werden. Er muß allerdings Daten von mir vorliegen haben, denn er spricht den Namen falsch aus,  Nietscha. Unverschämtheit, aber gut, daß er was von mir empfängt. Kurze Zeit später meldet sich der Frachter wieder, diesmal in ausgezeichneter Qualität. Ich frage, ob sie mein AIS Signal empfangen und er antwortet“ occasionally“, also mit Unterbrechungen, und auch erst seit 10sm. Sie würden senden, außer dem Warnton empfange ich aber nichts. Keine Ahnung, was da nicht stimmt. Wir plaudern noch ein bißchen, er fragt, ob ich auf die Kapverden wolle, was ich bejahe, dann wünschen wir gegenseitig gute Fahrt und verabschieden uns.
Auf dem Plotter sehe ich, daß ich mittlerweile über zwanzig sm östlich von meiner Kurslinie liege und das erscheint mir nun doch etwas viel. Ich ändere leicht den Kurs am Windpiloten, der sich ja wieder problemlos verstellen läßt und lege mich auf eine weitere Stunde hin.
Am Morgen habe ich meine Kurslinie fast erreicht und denke mir, was bin ich doch blöd! Ich war so schön nach Luv versetzt, das hätte ich auch noch kurz vor den Kapverden korrigieren können. Und da der Wind immer aus nordöstlichen Richtungen kommen wird, wäre das auch problemlos möglich. Ich darf aber keinesfalls zu weit nach Lee, also Westen, versetzt werden, denn das muß ich gegen den Wind korrigieren. Falls das aus irgendwelchen Gründen nicht gelingt, gondel ich schön an den Kapverden vorbei und kann weiter bis St Helena oder gleich in die Karibik. Also wieder den Kurs östlich korrigieren. Jetzt habe ich den Wind, der allerdings deutlich schwächer geworden ist, fast von der Seite. Ich könnte das Großsegel dazunehmen, aber dafür muß ich  in den Wind, bzw gegen die Welle, die noch ganz schön hoch ist. Bin irgendwie zu faul und es geht ja auch so.
In der Nacht schwankt das Boot dermaßen stark, daß ich davon aufwache. Wir haben kaum Wind, machen daher wenig Fahrt und dann kann jede Welle das Boot nach Lust und Laune herumschubsen. Das ist jetzt wirklich unangenehm. Selbst in Rückenlage kann ich nicht schlafen. Seitenlage empfiehlt sich sowieso selten, da bei jedem Schwanken erst das Nasenloch zugedrückt wird und dann das Ohr aufgerollt, beides ist erholsamem Schlaf nicht zuträglich. Ich könnte den Motor anmachen, um etwas mehr Fahrt und Stabilität ins Schiff zu bekommen, beschließe dann aber durchzuhalten.
Tagsüber besucht mich zweimal eine Schule Delfine, sicherlich über zehn Tiere. Sie flitzen an allen Seiten und unter Boot herum, tauchen prustend auf und gleiten wieder hinab. Schön! Nach einer knappen halben Stunde wird ihnen langweilig und sie verschwinden.
Mittlerweile habe ich mich an den Bordalltag gewöhnt. Alle zwei Stunden schreibe ich die Position auf, Kurs und Geschwindigkeit, morgens koche ich einen Kaffe, esse zwei Brote, später eine Orange, von denen mir allerdings etliche schimmlig geworden sind. Mittags gibt es eine Nudelsuppe, nachmittags wieder Kaffee und Kekse, abends mache ich mir etwas aus der Konserve warm. Zu viel mehr hat man bei der Wackelei keine Lust. Man bewegt sich ja nicht normal durchs Boot, alles ist ein Taumeln, Torkeln Festhalten, Stürzen, Abfangen. Mittlerweile habe ich es raus, den Niedergang hinunterzuklettern und mich paßgenau in die Naviecke schleudern zu lassen. Aber zwischen den Wellen stellt sich allmählich ein Gefühl von Ausgeglichenheit ein, wie ich es schon lange nicht mehr verspürt habe.

Wenn es drauf ankommt, scheint das AIS aber dann doch zur Stelle zu sein. Eines Nachts weckt mich der Alarmton. Auf dem Plotter wird voraus ein Schiff angezeigt. Ich klettere hoch und sehe tatsächlich in der Ferne ein schwaches Licht. Wieder unten, tippe ich auf das Schiffssymbol und bekomme alle Daten! Es ist aber auch ein Supertanker von über hundert Meter Länge. Er wird vor mir vorbeiziehen und mich steuerbord passieren. Weil der Windpilot insgesamt zwar zuverlässig steuert, en detail aber bis zu 50 Grad hin und her schwankt, setze ich mich selber an die Pinne und versuche, einen geraden Kurs zu halten, damit der da vorne nicht irritiert wird. Innerhalb von einer knappen halben Stunde zieht das Riesending an mir vorbei. Merkwürdig, tagsüber ist nie ein Schiff zu sehen, immer nur nachts!

Insgesamt sind wir wesentlich langsamer als ich erwartet habe, der Rekord Kanaren Kapverden ist zu keiner Zeit gefährdet. Ich werde frühestens Donnerstagnacht ankommen. Weitaus lieber wäre es mir natürlich, bei Tag einen unbekannten Hafen anzusteuern. Ich könnte kurz vor der Insel beidrehen und mich treiben lassen, bis das möglich ist. Aber da ist bestimmt Verkehr. Ich rufe über Satellitentelefon bei der Marina Mindelo an, die Verbindung ist gleich sehr gut. Liegeplatz ist kein Problem, sagt mir eine Frauenstimme und wenn ich nachts ankomme, könne ich auf Kanal 72 anrufen, es werde schon jemand da sein. Ich beschließe weiterzufahren und nachts anzukommen.

Anfahrt
Um Mindelo zu erreichen muß man ein Stück den Kanal entlang fahren, der sich zwischen den beiden Inseln Santo Antao und Sao Vicente bildet. Der Nordostwind weht fast genau dahinein und verstärkt sich zu einem Düseneffekt. Das Handbuch spricht von doppelter Windstärke, die plötzlich auftreten kann und „large seas“. Darüberhinaus wird dringend darauf hingewiesen, daß die Leuchtfeuer auf den Kapverden immer wieder mal ausfallen. Ich bin gewarnt.
Den ganzen Nachmittag spähe ich immer wieder scharf zum Horizont, die Inseln müssen doch bald zu sehen sein, auf der Karte sind sie schon ganz nah! Immer wieder malt die Fantasie die Umrisse von Bergücken an den Horizont, aber der Blick durchs Fernglas zeigt nichts. So beginnt es zu dämmern.

Die Wolke da muß doch die Insel sein!

Für die Gesamtstrecke habe ich mir vier Wegpunkte eingezeichnet, die zu passieren immer ein Erfolgserlebnis war. Der vierte liegt unmittelbar vor der Einfahrt in den Kanal zwischen den Inseln. Diesen will ich jetzt recht genau ansteuern, dabei müßte ich dann das Leuchtfeuer von Santo Antao querab haben und das Leuchtfeuer von Ilho dos Passaros, einem großen Felsen, der die Einfahrt von Mindelo versperrt, genau vor mir. Ich plane, an der Stelle das Vorsegel auf die andere Seite zu nehmen, aber ohne Spibaum, um es verkleinern zu können, wenn der Wind in der Düse zunimmt.
Mittlerweile ist es dunkel geworden, ohne daß ich Land gesehen habe. Ich kann mich sicher noch eine Stunde hinlegen und sollte das auch tun, denn die Nacht wird lang. Vor ein Uhr bin ich keinesfalls da. Als ich nach einer Stunde hochkomme ist es soweit: Land in Sicht! Also zumindest das Leuchtfeuer von Santo Antao. Zwar in anderer Kennung als auf der Seekarte angegeben, aber das muß es sein. Bis Wegpunkt vier sind es noch gut zehn Seemeilen, also zwei Stunden. Ich schaue zur Mastspitze, um den Windeinfallswinkel zu überprüfen und erstarre. Über mir eine Himmelserscheinung wie ich sie noch nie gesehen habe. Der fast volle Mond steht genau im Zenit über mir, um ihn herum eine kreisrunde Fläche dunkeln Himmels, begrenzt von einem Ring weiß beschienener Wolken. Wie eine riesige Scheibe mit einem leuchtenden Punkt in der Mitte. Schon einige male ist mir nachts beim Anblick von Mond, Meer und Wolken ein „oh wie schön“ oder „wow“ entfahren, aber jetzt bin sprachlos. Der ganze Körper entspannt sich und ich kann den Blick nicht loslassen. So wird man wohl zum Mondanbeter. Dann reiße ich mich zusammen, bis Wegpunkt Vier muß noch der Spibaum abgebaut werden. Ich leine mich an und krabbele in der Dunkelheit aufs Vordeck. Dabei ist es gar nicht so dunkel, der Mond über mir scheint ja, ich brauche die Kopflampe gar nicht anzumachen. Ich baue den Baum ab und sichere ihn an der Steuerbordreling. An Wegpunkt Vier, den wir ziemlich genau erreichen, setze ich das Vorsegel auf backbord. Santo Antao ist querab, aber von Ilho dos Passaros noch nichts zu sehen. Der Wind nimmt spürbar zu. Mindelo ist hinter einem Bergrücken verborgen, man sieht nur schwach einen Lichtschein dahinter. Irgendwo vor mir ist dieser Felsen und offensichtlich gerade der nicht beleuchtet. Schade eigentlich, hätte durchaus Sinn gemacht. Ich hole mein Tablet ins Cockpit, auf der elektronischen Seekarte ist meine Position bis auf zehn Meter genau zu sehen. Jetzt muß aber auch genau gesteuert werden. Ich habe den elektrischen Autopiloten eingehängt, weil der einen geraderen Kurs fährt als der Windpilot. Damit hat er alle Hände voll zu tun, denn auch die Welle nimmt zu, legt uns einmal schräg wie selten auf dem offenen Meer. Large seas. Der Autopilot quietscht und stöhnt, schafft es aber. Jetzt meine ich die Konturen von Ilho dos Passaros auszumachen und wir scheinen gut vorbeizukommen. Ein Dank ans GPS! Danach biegen wir in die Bucht von Mindelo, ich mache den Motor an, rolle das Vorsegel ein und steuere selber. Das erste rote Licht der Hafenmole ist auszumachen, die weiteren vor dem Lichtermeer von Mindelo wiederum nicht. Erneut steuere ich nach dem Tablet. Wir sind jetzt in der Abdeckung, Wind und Welle lassen nach. Einmal noch hänge ich den Autopiloten ein, weil Leinen und Fender ja noch zum Anlegen vorbereitet werden müssen. Verdammt, das wird knapp, denke ich, bis mir einfällt, daß ich meine Geschwindigkeit ja reduzieren kann. Bin irgendwie auch schon bißchen durch. Ich turne mit Leinen und Fendern nach vorne und sehe, daß wir ziemlich nahe an einem Ankerlieger vorbeifahren, den ich übersehen habe. Dann schnappe ich mir das Handfunkgerät und rufe die Marina. Erst nichts, aber beim zweiten Versuch meldet sich jemand. Ich solle in Richtung der Stege fahren, er werde mir mit der Taschenlampe Zeichen geben. Kurz darauf blinkt es tatsächlich zwischen den Booten. Ich antworte mit Blinken meiner Kopflampe. Da scheint auch eine Lücke zu sein. Ich blinke nochmal, aber es kommt keine Antwort. Bin ich nun richtig oder nicht? Ich stoppe auf und spähe in die Dunkelheit. Kein Blinken mehr. Ehe der Wind mich noch sonstwohin treibt, fahre ich jetzt einfach in diese Lücke, denke ich mir. Erst als ich nur noch anderthalb Bootslängen entfernt bin, kann ich zwei Gestalten auf dem Steg ausmachen, sie scheinen auf mich zu warten. Der Taschenlampenmann ist wohl schon wieder gegangen. Gegen den Wind kann ich gefühlvoll bis an die Stegkante heranfahren. Could you take my lines? rufe ich den beiden Gestalten zu. Yes, no Problem, antwortet jemand. Ich lege Leerlauf ein und eile nach vorne. Einer hält das Boot am Bugkorb fest, der andere hat schon die erste Leine festgemacht. Ich reiche die zweite und nehme die Mooringleine entgegen, mit der ich das Heck festmachen kann. Ich bedanke mich vielmals bei den beiden, die mir gute Nacht wünschen und gehen. Ich bin auf den Kapverden angekommen. Eine Dose Bier ist noch übrig, ich öffne sie und muß plötzlich laut lachen. Could you take my lines, das heißt doch auch, können Sie meinen Text übernehmen? Das hätte mir nicht passieren dürfen!

(Foto Abfahrt: D. Fleischhauer)

P.S.

Hier hat es 25Grad und daher trotz viel blinkender Dekoration eine ganz merkwürdige Weihnachtsstimmung. Ich wünsche Allen von Herzen Frohe Weihnachten und eine erholsame Zeit!

7 Kommentare

  • Lisa Frenzel says:

    Lieber Hartmut,
    es ist schön, von dir zu lesen …. es klingt alles sehr abenteuerlich und deine Reise liest sich spannend hintereinander weg.
    Ich wünsche Dir auch frohe Weihnachten und weiterhin so wunderbare Begegnungen mit der Natur und dir selbst.
    Ahoi, eine gute Weiterreise und viele Grüße Lisa

  • Dieter Nake says:

    Lieber Hartmut,
    wir wünschen dir ein schönes Weihnachtsfest und neue Kraft für deine weitere Strecke. Kannst du schon etwas über deine weitere Planung schreiben?
    Liebe Grüße senden dir
    Gisela und Dieter

  • Anko Ahlert says:

    Hallo lieber Hartmut,
    ein wirklich schöner Bericht, den Du da geschrieben hast. Man kann ein wenig von dem, was Du auf Deiner Reise erlebt hast, mit Dir erleben. Es ist schon verrückt, das Du schon nach einigen Tagen, in einen Ablauf von Funktionalität verfällst und dabei gleichzeitig immer entspannter und ausgeglichener wirst. Du erfreust Dich an kleinen Dingen und reduzierst Dich selbst auf das Wesentliche. In jedem Fall hast Du allein mit dieser Fahrt schon das erreicht, weshalb Du los gesegelt bist, um zu erspüren was es heißt, mit sich und der Natur und der Einsamkeit klar zu kommen. Ja, man kann sagen…….erste Mission erfüllt. Du kannst stolz auf Dich sein.
    In diesem Sinne…….hast Du das erste große Weihnachtsgeschenk an Dich selbst gemacht.
    Ich wünsche Dir und Deiner Nica ein ruhiges besinnliches und schönes Weihnachten und genieße diese besondere Situation, die ganz bestimmt so schnell nicht wieder kommt.
    Ich wünsch Dir eine schöne Zeit auf den Kapverden und weiterhin so viel Glück wie bisher.
    Frohe Weihnacht und bis bald……….ANKO 🙂

  • Jörg Pfeiffer says:

    Lieber Hartmut ,
    dann bist Du tatsächlich allein von den Kanaren zu den Kapverden gesegelt. Alle Achtung. Schade, dass wir uns auf den Kanaren nicht getroffen haben, obwohl beide Inseln in sichtweite waren. Deine Beschreibung der Überfahrt habe ich begeistert gelesen , insbesondere den Teil mit dem Mond direkt über Dir. Möge der alte Schiffer Sankt Nikolaus auch weiterhin auf Dich und deine Nica Acht geben.

    Ich wünsche Dir schöne, erholsame und stressfrei Weihnachten und ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr 2019, egal wo Du dich dann „rum treibst“.

    Gruß Jörg

  • Tilo Krügel says:

    Lieber Hartmut, ich wünsche dir einen guten Start in das neue Jahr. Pass auf dich auf, bleib gesund und der Höhepunkt deiner Reise steht ja noch bevor, dafür viel Glück. Guten Rutsch und Grüße, Tilo.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.