Nochmal Null

von Hartmut Neuber / am 28.11.2018 / in Allgemein

Der große Reiz vonEl Hierro, womit diese Insel auch wirbt, liegt darin, kein Ziel des Massentourismus zu sein. Das hat seine Vor und Nachteile, die in beiden Häfen der Insel auch zu spüren sind. Puerto Estaca ist weitaus ruhiger als z. B. das nahezu quirlige San Sebstian auf la Gomera. Anders ausgedrückt, tote Hose. Es gibt eine überdimensionierte Wartehalle für die Fähren, mit einem Cafe, das durchaus leckere tapas anbietet und gute Internetverbindung, sonst aber nichts. Keine Restaurants, keine Geschäfte, keine Tankstelle. Eine Vertretung für Mietautos, die aber fast immer geschlossen ist. Glücklicherweise eine regelmäßige Busverbindung in die nahe Hauptstadt Valverde. Die Duschen in dem kleinen Waschhäuschen sind sehr gut, das einzige Waschbecken allerdings hat keinen Stromanschluß zum Rasieren und das einzige WC keine Klobürste.
La Restinga an der Südspitze der Insel ist ein munteres kleines Fischerdörfchen mit Tauchbasen an jeder Straßenecke. Es gibt mehrere sehr gute Fischrestaurants und zwei gut sortierte, kleine Supermärkte. Die örtliche Fischercooperative betreibt eine Tankstelle. Die sanitären Anlagen aber sind, gelinde gesagt, unterdurchschnittlich. Lediglich ein Klohäuschen mit einem WC, Waschbecken, kein Spiegel und eine Neonröhre, die nachts nur ein zuckendes Dämmerlicht verbreitet. Keine Duschen. Die Benutzung der Dusche in der nahegelegenen Tauchbasis kostet dreißig Euro, aber dafür kann ich auch einen Tauchgang mitmachen. Letzteres überwiegt die Nachteile, denn die Tauchspots hier sind teilweise sensationell. Die Basis wird von Jutta und Günter  betrieben. Beide sind schon seit über zwanzig Jahren auf El Hierro. Die sehr hilfsbereite Jutta hat die geschäftliche Leitung und Günter die sportliche.

Die Anfahrt nach La Restinga zu organisieren, kostete mich eine Fahrt im Mietwagen und eine komplizierte Anmeldung im Internet, ohne die es nun mal nicht ginge, wie mir der Hafenmeister streng versichert. Geschenkt. Mit dem Mietauto fahre ich weiter an der felsigen Küste, über steile Serpentinenstraßen zum Denkmal für den ehemaligen Nullmeridian.

Wieder auf Null

Da die Kanaren schon sehr früh von den Europäern vereinnahmt wurden, galt El Hierro als westlichste Spitze Europas, das Ende der Welt sozusagen, ein nachvollziehbarer Grund, hier den Nullmeridian anzusetzen. War auch ok, man muß sich nur einig sein. Ab hier kommt aber erstmal wirklich nichts mehr bis Amerika…
Zur Zeit herrscht ungewöhnlicher Nordwest, dadurch ist es möglich, Tauchspots anzulaufen, die sonst unzugänglich sind. Dazu gehört ein kleiner Felsturm, der aus dreißig Meter Tiefe bis zwölf Meter unter die Wasseroberfläche ansteigt. Günter schafft es, mit dem Schlauchboot direkt über dem Felsen zu ankern. Wir lassen uns sinken und können den Felsen mehrmals umrunden, der von Flötenfischen, Zackenbarschen und Muränen bevölkert ist.

Unter mir Gegenverkehr

Günter umkreist die siebenköpfige Tauchgruppe wie ein aufmerksamer Schäferhund seine Herde und schafft es nebenbei noch zu Fotografieren und Filmen. Unmittelbar nach der Rückkehr in die Tauchbasis, nach dem Umziehen und Duschen, gibt es dann immer ein bißchen Kino, die Ergebnisse sind sofort am Computer zu bewundern, untermalt mit sphärischer Musik. Günter ist fix. Zusätzlich versorgt er uns während der Fahrt noch mit geologischen Details zu den bizarren Felswänden, an denen wir entlangfahren und Wissenswertem über die Fangtechniken der einheimischen Fischer. Einmal sehen wir ein Fischerboot, das eine scheinbar überdimensionierte Angel über den Bug hinaushängen hat. Günter klärt uns darüber auf, daß an dieser langen Rute kein Köder hängt, sondern ein Lockvogel, bzw, -fisch. Es ist ein liebevoll aus Holz gefertigter Wahoo, ein gr0ßer Raubfisch aus der Familie der Makrelen. Die Familienbindung wird dem Fisch in diesem Fall aber zum Verhängnis, denn der Wahoo jagt nicht gern allein. Der Fisch sieht die täuschend echte Nachbildung, denkt sich, hurra ein Kumpel, mit dem mach ich gemeinsame Sache, schwimmt hin und schon rammt ihm der Fischer seine Harpune in den Rücken. Tatsächlich sehen wir, wie der Fischer gerade ein sich nur noch schwach wehrendes Exemplar an Bord hievt. Auch wenn diese Methode hinterlistig und grausam wirkt, hier holt sich ein Mensch seine Nahrung und seinen Lebensunterhalt gezielt und mit eigenen Kräften aus dem Meer. Schon etwas anderes als die riesigen schwimmenden Fischfabriken, die alles aus dem Wasser ziehen, was ihnen in die Netze gerät.
Später gehe ich mit den anderen Tauchern, einer lustigen Truppe aus Norddeutschland, die sich schon seit Jahren kennt und miteinander taucht, ins Fischrestaurant. Der Kellner zeigt uns die Platte mit den heute erlegten Fischen und läßt uns wählen. Es gibt unter anderem Zackenbarsch, der sehr lecker schmeckt.

Leider lecker

Über den leichten Widerspruch, sich unter Wasser über den Fisch am Felsen zu freuen und über Wasser auf den auf dem Teller, sind wir uns bewußt. Bei der nachhaltigen Form der Fischerei hier in Restinga, brauchen wir uns aber wohl keine Gedanken zu machen.

Meine Abfahrt auf die Kapverden habe ich jetzt für den 10. Dezember geplant. Der Nordwest geht allmählich wieder auf den gewohnten Nordost zurück, die Passatwinde stabilisiern sich. Bis Sao Vicente sind es gut 750sm, mindesten sieben Tage, sieben Nächte. Gemischte Gefühle aus Anspannung, Respekt und Vorfreude, es wird meine erste Einhand Blauwasser Etappe…

Am Ausgang links und dann immer geradeaus

(UW Fotos: Günter/Fan Diving  El Hierro)

6 Kommentare

  • Dieter Nake says:

    Lieber Hartmut,
    danke für deinen Bericht. Dein Starttermin am 10.12. ist für mich so etwas wie die letzte unbemannte Landung auf dem Mars, die ich in Echtzeit (fast, denn die Funksignale brauchten ein paar Minuten vom Mars bis zu uns) am PC verfolgt habe. Ich spüre wie die Spannung steigt. Halte die Ohren steif.
    Beste Grüße von
    Dieter

  • Tilo Krügel says:

    Lieber Hartmut, nachdem nun „Wolken.Heim“ ohne dich stattgefunden hat und prompt in meinem letzten Monolog das Bett zusammengebrochen ist und ich unter Tränen ( das Losprusten verhindernd ) versucht habe einigermaßen glaubhaft zum Schluss zu kommen und wir auch ein Foto für dich gemacht haben…..will ich dir jetzt schöne Vorweihnachten wünschen und drücke dir die Daumen für den beginnenden Höhepunkt deines Abenteuers. Liebe Grüße vom Leipziger Festland, Tilo.

    • Hi Tilo,
      danke für die Grüße! Hab das Bild bekommen, wunderbar, wie Ihr in dem Bett sitzt!
      Vielen Dank, hab mich wirklich gefreut! Bin z.Z. zu einem Blitzbesuch in München, aus privaten und organisatorischen Gründen (konnte noch paar Ersatzteile besorgen)Freitag geht’s wieder zurück und dann los. Dir und allen Kollegen ebenfalls von Herzen schöne Weihnachtszeit!
      Hartmut

  • Thomas Gottschalk says:

    Lieber Hartmut,

    komme gesund auf den Kapverden an.
    Ich finde es super was Du da machst.
    Möge die Götter mit Dir sein.

    In Wehmut grüßt
    Thomas

  • Anko Ahlert says:

    Hallo Hartmut,
    Der alte Seebär macht sich auf die Reise, zu den Kap Verden. ich wünsche Dir auf dieser Reise besonders viel Glück und das alles klappen möge was Du vor hast. Vor allem aber wünsche ich Dir, das Poseidon, Dein alter Saufkumpane immer mit Dir sei und Dich auf allen Meeren beschützt.
    Viel Glück und Erfolg wünscht Dir Anko und ich drücke Dir die Daumen. 🙂
    Ich bin schon sehr gespannt auf Deinen nächsten Bericht.
    Liebe Grüße aus Leipzig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.